Evangelische Akademie Thüringen

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Start in Sondershausen: Erfüllte Hoffnungen / Enttäuschte Erwartungen

  • Bürgerzentrum Cruciskirche Sondershausen. Foto: (c) Kranich/EAT
    Bürgerzentrum Cruciskirche Sondershausen. Foto: (c) Kranich/EAT
  • Screenshot aus dem Film: Im Vordergrund Reinhard Höppner, im Hintergrund Lothar de Maizière. Foto: (c) Kranich/EAT
    Screenshot aus dem Film: Im Vordergrund Reinhard Höppner, im Hintergrund Lothar de Maizière. Foto: (c) Kranich/EAT

Lag es am schönen Wetter? Am durchsonnten Abend des 18. Juni hatte sich in Sonderhausen nur eine kleine Runde versammelt: zum Auftakt der Reihe „Erfüllte Hoffnungen / Enttäuschte Erwartungen – Die 10. Volkskammer der DDR“.

Ohne große Vorreden wurde so zum Einstieg gleich der Film über die erste freigewählte DDR-Volkskammer gezeigt, produziert im Auftrag der Evangelischen Akademie Thüringen. „Ja, so war es. Es war eine spannende Zeit“ meinte Bernd Wolf (CDU), Abgeordneter jenes Parlaments, anschließend. Die Aufbruchsstimmung sei bei allen groß gewesen: Bei denen, die die Einheit gleich und sofort wollten, bei denen, die eine bessere DDR anstrebten, wie bei denen, die einen Zwischenweg suchten. Zugleich hätte ein großer Druck geherrscht: wirtschaftlicher Druck und die revolutionäre Erwartung von Menschen, nach der jetzt alles ganz, ganz schnell gehen sollte.

Was nach der Einheit kam, war auch in Sondershausen schwerwiegend. 3000 Menschen aus dem Kalibergbau, 3000 Menschen aus der Elektrotechnik verloren ihre Arbeit. Auch die Eltern von Antje Hochwind-Schneider, Landrätin des Kyffhäuserkreises, wurden arbeitslos. In der Arbeitsgesellschaft DDR hatten auf einen Schlag Millionen von Menschen von heute auf morgen beruflich nichts zu tun, mussten sich umorientieren. Fast alles, was an sozialen Bezügen und geselligem Leben an die Betriebe und Berufsarbeit gekoppelt war, verschwand.

Was das für Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl hatte und wie es heutige Einstellungen und Meinungen im Osten weiterhin prägt, scheint sozialpsychologisch noch nicht wirklich begriffen. Damals seien viele Aktive in den Westen gegangen und andere hätten sich zu wenig getraut, so Bernd Wolf. Denn in der DDR-Schule sei ihnen beigebracht worden, sich ruhig zu verhalten und bloß nicht zu selbstbewusst aufzutreten.

Und dennoch: Bei allen Brüchen, bei allen Mängeln des Einigungsvertrages, bei allen politischen Fehlentscheidungen in der Transformationszeit und bei allen Problemen, die es auch heute im Kyffhäuserkreis gibt und die Landrätin Antje Hochwind-Schneider schilderte – von der Geburtenrate bis zum Fachkräftemangel – der schnelle Weg zur deutschen Einheit 1990 sei richtig gewesen. Denn schon zwei oder drei Jahre später wäre die staatliche Einheit nicht mehr so leicht zu vollziehen gewesen.

Was in diesem wiedervereinigten Land durch bürgerschaftliches Engagement möglich ist, zeigte der Ort der Veranstaltung selbst: Die Cruciskirche Sondershausen. Eine Ruine am Ende der DDR und heute als Bürgerzentrum ein Schmuckstück.

Weitere Veranstaltungen der Reihe:

  • Grenzmuseum Schifflersgrund, 20. Juni, 19 Uhr
  • DenkMahl Rösterei Pößneck, 25. August, 18 Uhr
  • Baumbachhaus Kranichfeld, 26. August, 18 Uhr
  • Schillerhaus Rudolstadt, 27. August, 18 Uhr
  • Volkshochschule Altenburg, 28. August, 18 Uhr