Evangelische Akademie Thüringen

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Europa in rauer See

  • Evangelische Akademie an der Uni: Daniel Marwecki von der Universität Hongkong über die "Entzauberung Europas" und europäische Perspektiven in den Krisen der Gegenwart. Foto: (c) Hellwig/EAT
    Evangelische Akademie an der Uni: Daniel Marwecki von der Universität Hongkong über die "Entzauberung Europas" und europäische Perspektiven in den Krisen der Gegenwart. Foto: (c) Hellwig/EAT
  • Eine ikonische Inszenierung der Sage von der entführten Europa. Valentin Serov schuf das Werk wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg (Der Raub der Europa 1910). (c) Wikimedia Commons
    Eine ikonische Inszenierung der Sage von der entführten Europa. Valentin Serov schuf das Werk wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg (Der Raub der Europa 1910). (c) Wikimedia Commons

Was hat die Deutsche Bahn mit deutscher Außenpolitik gemeinsam? Deutschlands Nimbus als verlässliche „Multilateralmacht“ mit unerschütterlichen Tugenden ist entzaubert worden. Die Gründe sind vielfältig – aber Deutschlands Entpuppung von der Führungsmacht zur „Ohnmacht des Völkerrechts“ hat unzweifelhaft eine große Rolle gespielt (mit dem Nürnberger Völkerrechtler Christoph Safferling gesprochen).

Außenminister Johann Wadephul klagte kürzlich darüber, Deutschland sei offenbar von etlichen Staaten nicht ernst genommen und bei den Vereinten Nationen sogar getäuscht worden. Mehrere Staaten hatten bei der Wahl der nicht-ständigen Sitze im UNO-Sicherheitsrat am 3. Juni 2026 nicht Wort gehalten, so Wadephul sichtlich getroffen im Tagesthemen-Interview: „Wir hatten aus den Gesprächen das Gefühl, dass wir wirklich gute Chancen hätten haben sollen […]. Da hat uns vielleicht nicht jeder ehrlich das gesagt, was er wirklich nachher gemacht hat, anders kann es ja gar nicht sein.

Nahkriegs-Erfahrungen entzaubern Deutschland und Europa

Die Welt ist eine raue See. Die andauernden Nahkriegs-Erfahrungen in Nahost und in der Ukraine schrecken alle Europäer auf. Anderswo auf der Welt war ebendiese schon immer rau und so kann der Vorgang der „Entzauberung“ – als ein Vorgang des plötzlichen „Gewahr-“ und „Bewusstwerdens“ verstanden – getrost auch auf Europa als geografische und politische Weltgegend ausgeweitet werden.

An diesen neuralgischen Punkten setzte Daniel Marwecki in der Veranstaltung „Europas Entzauberung“ am 11. Juni 2026 an. Vortrag und Diskussion waren von der Evangelischen Akademie Thüringen in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Sophia Hoffmann von der Forschungsgruppe Sicherheitskapitalismus an der Universität Erfurt organisiert worden. Vor 50 ganz überwiegend studentischen Hörer:innen war der Abend auf die kritisch-konstruktive Krisenbewältigung Europas fokussiert.

„Doppelmoral ist ein Privileg der Mächtigen“

Marweckis aufsehenerregendes Buch Die Welt nach dem Westen (2025) bot hierfür die analytische Grundlage und Ausgangsposition. – Seine plakative These darin: Europa stolpere „ahnungslos in eine neue, multipolare Welt“. Man findet Absätze wie diesen, der Deutschlands arrogante Selbstbezogenheit schon lange vor der entzaubernden Wahl des UN-Sicherheitsrats zutreffend beschreibt:

  • 》“Doppelmoral ist ein Privileg der Mächtigen. Da Deutschland seine proklamierten Werte weder vorlebt noch ein dominanter, weltgestaltender Akteur ist, kommt der außenpolitischen Rede von Werten eine eher innenpolitische Funktion zu. Es geht darum, sich gut zu fühlen, ohne es auch sein zu müssen.“《

Und das ist ein wesentlicher Punkt des Abends: Deutschland und mit ihm Europa hätten längst eine Neubewertung von Welt und Selbst durchführen müssen. Statt das Ruder zumindest schon mal geistig herumzureißen, fährt der Tanker Europa weiter in Richtung Selbsttäuschung statt Selbsterkenntnis. Europa lebt in seiner Welt, nicht in der Welt. Statt eines aus der Eigenmechanik des Kapitalismus abgeleiteten militär-ökonomischen „Rüstungs-Keynesianismus“ als einziger Antwort auf die Polykrise der Zeit müsse Europa die Optionen eines „würdevollen Abstiegsmanagements“ erwägen, so der Politikwissenschaftler, der an der Universität Hongkong lehrt.

„Geopolitik“ und „Ewiger Frieden“ passen nicht zusammen

In der Wiederaufnahme klassisch nationaler und imperialistischer Denkweisen – Marwecki bezog gegen die Renaissance des Begriffs „Geopolitik“ dezidiert Stellung – liege jedenfalls keine erfolgversprechende Strategie, kein Rezept für Kants „Ewigen Frieden“.

Konstruktion statt Destruktion, Funktionalität statt Dysfunktionalität, Staatskunst statt Deutsche Bahn: „Die Verrohung der internationalen Politik geht mit der Verrohung im Innern der Gesellschaft einher. Es sind Zeiten, in denen die Besten entkräftet aufgeben und die gröbsten Seelen am stärksten glühen.“ Nicht jedem Gedankengang Daniel Marweckis mochte das gesamte Publikum restlos folgen – aber die interdisziplinäre Anregung, der empathische Optimismus und vor allem die Energie, die durch den Vortrag und die Diskussionsbeiträge durchschienen, aktivierten alle Anwesenden.


Die zuletzt von Daniel Marwecki erschienenen Bücher: