In der vergangenen Woche sind viele neue Bekanntschaften oder auch Freundschaften im Urwald-Life-Camp Lauterbach entstanden. Der Anlass dafür war das erste Bildungsseminar der LKJ, organisiert für 35 FSJler:innen aus oder rund um Thüringen – mit dabei: Cedric Metzdorf, Freiwilliges Soziales Jahr Politik 2024/25 in der Akademie. Das Kennenlernen und sich in die Gruppe integrieren stand dabei im Vordergrund.
Aus diesem Grund wurden an drei von fünf Tagen viele verschiedene Teambuilding- und Kennenlernspiele gespielt. Außerdem mussten die FSJler:innen nach jedem Spiel reflektieren wie sie sich, aber auch die anderen verhalten und welche Rollen sie eingenommen haben. Diese Reflektion hatte den Nutzen zu verstehen, wie eine Gruppe oder Gruppendynamik entsteht und funktioniert.
Die restlichen zwei Tage hatten sie die Möglichkeit zwischen drei Workshops einen zu wählen. Zur Auswahl standen Projektmanagement, Partizipation und Awareness. Inhalt des Workshops Projektmanagement waren Themen wie: Wie strukturiere ich ein Projekt, wo beantrage ich Fördermittel für ein Projekt und wie erstelle ich einen durchdachten Zeitplan. Der Workshop Partizipation handelte von Gruppendynamiken, der Teilhabe an und der Integration in Gruppen. Zum Thema Awareness wurden die FSJler:innen über einen wertschätzenden und respektvollen Umgang mit Menschen und über Möglichkeiten diskriminierende und gewaltvolle Verhältnisse zu minimieren informiert.
Allen FSJler:innen hat diese Woche sehr gut gefallen da sie Neues gelernt, neue Menschen getroffen und das sehr gute Essen im Urwald-Life-Camp gegessen haben. Dennoch waren sich alle einig, dass es niemals perfekt wird, da es die ganze Woche lang geregnet hat.
Unterwegs in Lindewerra konnte die Gruppe immer wieder Bilder aus den Jahren der Teilung mit dem heutigen Zustand der Landschaft vergleichen. Foto: (c) Robinson/EAT
Ausgangspunkt der Wanderungen war die Sole-Stadt Bad Sooden-Allendorf auf der hessischen Seite der ehemaligen Grenze. Foto: (c) Robinson/EAT
An einer Stelle des Grenzwanderwegs können Wandernde ihre Gedanken und Wünsche auf Steinen hinterlassen; dort entspinnen sich häufig Gespräche über die Wiedervereinigung. Foto: (c) Robinson/EAT
Die ökologischen Entwicklungen am Grünen Band und die Weite der ehemaligen Grenzlandschaft beeindruckten die Teilnehmenden auf ihren Touren. Foto: (c) Robinson/EAT
Veranstaltungsrückblick von Rebecca Robinson (Praktikantin der EAT)
Wo einst die innerdeutsche Grenze verlief, schützt man heute das Grüne Band – ein fast 1400 Kilometer langer Geländestreifen, der an die Teilung Deutschlands bis 1989 erinnert. Dieses einzigartige Naturschutzprojekt steht nicht nur als Symbol der Wiedervereinigung, sondern bewahrt auch die Spuren politischer Geschichte, die bis heute in die Landschaften und Gemeinden hineinwirken.
Vom 26. bis 29. September 2024 begaben sich 26 Teilnehmer:innen auf eine Wander- und Begegnungswerkstatt durch die Grenzregion von Thüringen und Hessen, mit Bad Sooden-Allendorf als Ausgangspunkt. Ziel war es, die Geschichte dieser Orte durch Gespräche, Museumsbesuche und gemeinsame Wanderungen zu erkunden – Orte, die sowohl von den Erfahrungen der Grenze als auch vom Überwinden dieser geprägt sind.
Erinnerungen in der Landschaft
Das Grüne Band, das einst als unüberwindbare Grenze galt, zeigt sich heute als lebhafte Landschaft, doch die Narben der Vergangenheit sind noch deutlich erkennbar. Der Wald erinnert sich: Ein Baum, an dem wir vorbeigingen, hatte den Stacheldrahtzaun „gefressen“ – ein kraftvolles Symbol für den Wandel, der an diesem Ort stattfand. Junge Birken erobern die ehemaligen Grenzstreifen zurück, doch sie wachsen anders als die alten Bäume. Sie mahnen und erzählen von einer Zeit, in der diese Gegend zerrissen und gespalten war.
Eine Teilnehmerin bemerkte erstaunt, dass sie sich damals eine solch blühende Landschaft nicht hätte vorstellen können, während wir den Wegen folgten, die einst niemand betreten durfte. Der Wald trotzt mit Leben, doch die Schatten der Vergangenheit bleiben bestehen: Gebäude, Erzählungen und Mahnmale erinnern an die Angst und Unsicherheit, die diese Region prägten. Über 12.000 Menschen wurden zwangsweise umgesiedelt, Millionen flohen vor den Grenzanlagen. Ihre Geschichten hallen bis heute in den Orten wider, die wir durchwanderten – Bad Sooden-Allendorf, Lindewerra, Schifflersgrund, Sickenberg und Asbach.
Zwischen Aufbruch und Enttäuschung
Die Zeit nach der Wende war für viele Menschen von Hoffnung und Aufbruchstimmung geprägt, doch auch Enttäuschungen folgten schnell. Diejenigen, die damals den Mut, die Möglichkeiten und die Kontakte hatten zu gehen, verließen die Region – und sie fehlten lange Zeit, reflektierte eine Teilnehmerin. Dieser Verlust an Menschen und Potenzial war in vielen ländlichen Regionen des ehemaligen Ostens spürbar.
Im Schifflersgrund, einem der Orte unserer Wanderung, berichtete unsere Wegbegleiterin Anne Vaupel-Meier von der Geschichte der Grenze: „Die Grenze war für beide Seiten auch ein Geschäft.“ Die Relikte der Grenzanlagen – einst mit bayrischem Stahl errichtet – stehen heute als Mahnmale in der Landschaft. „Es ist die Aufarbeitung der Aufarbeitung notwendig“, betonte sie. Diese Aussage verdeutlicht, dass das Erinnern an diese Zeit nicht abgeschlossen ist, sondern immer wieder neu reflektiert und bearbeitet werden muss.
Gemeinsam in die Zukunft blicken
Am letzten Morgen reflektierten wir gemeinsam das Erlebte. Was nehmen wir mit? Die Wanderung entlang des Grünen Bandes bot nicht nur einen Blick in die Vergangenheit, sondern auch eine Auseinandersetzung mit den Grenzen unserer heutigen Zeit. Eine Teilnehmerin erinnerte daran, dass Grenzen immer Menschen trennen und entscheiden, wer sie passieren darf und wer nicht. Die aktuelle politische Lage macht vielen Angst, doch die Orte, die wir bewanderten, zeigen: Grenzen können überwunden werden – sowohl physisch als auch metaphorisch.
Die Veranstaltung, die in Zusammenarbeit der beiden Evangelischen Akademien Thüringen und Sachsen organisiert wurde, brachte Menschen aus verschiedenen Teilen Deutschlands zusammen und machte deutlich, dass der Wunsch nach Dialog und Offenheit groß ist. Im Rahmen des von der Bundeszentrale für politische Bildung geförderten Projekts „Landwandel. Bewegung und Begegnung in ländlichen Räumen“ werden in den kommenden zwei Jahren weitere Wander- und Begegnungswerkstätten von den beteiligten Akademien angeboten.
Ilka-Sascha Kowalczuk im Gespräch mit Dorothee Wierling. Fotos (c): Wollenhaupt-Schmidt/ EAT
Das Publikumsinteresse war sehr groß. Fotos (c): Wollenhaupt-Schmidt/ EAT.
Ein Hauch von Geschichte lag in der Luft am Abend dieses 26. September in Erfurt. 200 Menschen wollten Ilko-Sascha Kowalczuk sehen und hören. Nach zwei bewegenden Stunden gab es eine lange Schlange beim Signieren von „Freiheitsschock“, Hände wurden geschüttelt und Fotos mit dem Historiker gemacht.
Angesichts des Desasters bei der konstituierenden Sitzung des Thüringer Landtags hatte Kowalczuk die Zusammenkunft gleich anfangs zur Tat für „Demokratie und Freiheit mit den Mitteln des Wortes“ erhoben. Auf Facebook und X schrieb er am Morgen danach:
„Danke an die Stiftung Ettersberg – Gedenkstätte Andreasstraße, die Landeszentrale für politische Bildung Thüringen und die Evangelische Akademie Thüringen für einen intensiven Abend in der ehemaligen Stasi-Untersuchungshaftanstalt Erfurt. Der Saal war super gefüllt, auch die Treppen und sonstige Nischen reichten kaum. Der Debattenbedarf über den Zustand unseres Landes ist riesengroß – gerade gestern nach dem erwarteten Debakel im Landtag Thüringens.
Die Historikerin Dorothee Wierling führte mit mir ein Gespräch über den ‚Freiheitsschock‘. Danke für die tolle Gesprächsführung, die Gastfreundschaft der Veranstalter und die intensive Atmosphäre, für die die vielen Teilnehmer:innen verantwortlich waren. Am meisten beeindruckten mich zwei junge Abiturientinnen, die sich im vollen Saal ein Herz fassten und ihre Sorgen über den Zustand der Demokratie zum Ausdruck brachten*.
Christian Dietrich, von 2013 bis 2018 Landesbeauftragter des Freistaats Thüringen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, postete noch am gleichen Abend:
„Da wurde nicht zu viel versprochen. Heute wurde in Erfurt Geschichte geschrieben. Ilko-Sascha Kowalczuk hat im Gespräch mit Prof. Dr. Dorothee Wierling sein Buch ‚Freiheitsschock‘ – in wenigen Tagen wieder zu erwerben (nun 6. Auflage) weiter ‚geschrieben‘. Nein nicht seine großen Werke – sondern der Freiheitsessay – bewegt. Trotz des Regens kamen so viele Menschen in den Kubus der Stiftung Ettersberg – Gedenkstätte Andreasstraße, dass viele nur noch auf der Treppe zur Ausstellung im ersten Stock Platz fanden“.
Gehört die Wut der Bürger zu den Diktaturfolgen?, wie D. Wieling vermutet, da die dauernde Entwürdigung in der SED-Diktatur nicht zugegeben werden konnte und so auch nicht bearbeitet, oder ist das fehlende Wertesystem, das die Diktatur durch Gewalt und Lüge erzeugte, eine ihrer Ursachen, die nur durch aktive Verantwortungsübernahme und damit eigenen Wertekanon (und Selbstwirkungserfahrungen) überwunden wird?
Es wurde viel geklatscht – nicht nur aus Zustimmung, sondern wohl auch aus Dankbarkeit, für die Pointen und beispielsweise die klare Beschreibung des BSW als Partei neuen Typs.
Besonders eindrücklich und emotional wurde es, als Ilko-Sascha Kowalczyk beschrieb, wie er in Distanz zu seinem Vater und mehr noch zum Staat und der Gesellschaft seiner Eltern geriet. Und er beschrieb eindrücklich, wie die Liebe seiner Mutter trotz oder gerade aufgrund ihrer Hilflosigkeit gegenüber den Demütigungen gegenüber ihrem Sohn durchtrug. Alles fing damit an, dass er sich mit 15 Jahren nicht mehr vorstellen konnte, Offizier zu werden, wofür er wenige Jahre zuvor eingeplant wurde. Nun wurde ihm klargemacht, dass er ein Schmarotzer sei, und schon so viel vom SED-Staat bekommen habe. In seiner Not erklärte er, er werde alles auf Heller und Pfennig zurückzahlen und sagte dann verschmitzt, das mache ich ja auch seit 1990.
Über die Zusammenhänge schrieb er in Freiheitsschock im Anschluss an Uwe Johnsons ‚Versuch, eine Mentalität zu erklären‘ – Seiten, die wohl zukünftig in Schulbücher gehören. Ja, die Freiheit, kann in der Freiheit verraten werden. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte davon Martin Luther 1521 in Erfurt gepredigt.“
Dem bleibt noch hinzuzufügen: Wie in den Beschreibungen seines Buches wechselte Kowalczuk in Erfurt zwischen Empathie zu Trotz. Mehr als in „Freiheitsschock“ kam dabei seine Empathie für die „Diktaturgeschädigten“ – zu denen er sich selbst rechnet – und für diejenigen, die den „Transformationsschock“ der 1990er Jahre nur schwer verkraftet haben, zum Tragen. Sein Trotz galt und gilt primär den Extremisten, die mit den daraus resultierenden Gefühlslagen und Vorstellungen ihr politisches Geschäft machen.
Wie war es, in der DDR aufzuwachsen? Welche Möglichkeiten hatten Jugendliche, sich gegen das diktatorische Regime zu wehren? Und welche Chancen wurden diesen verwehrt, wenn sie nicht Teil der FDJ waren? – Diese und viele weitere Fragen hatten in der DDR-Projektwoche der vergangenen Woche für 19 Schüler:innen der Ev. Gemeinschaftsschule Erfurt eine hohe Relevanz.
Teil dieser Woche in der Jugendbildungsstätte Junker Jörg waren eine Grenzlehrpfad Wanderung, ein Filmabend und das Spiel: „Allersleben. Ein Biografiespiel zum Erwachsenwerden in der DDR“, welches in Kooperation mit dem Institut Spawnpoint entwickelt wurde. Allersleben ist dabei ein fiktiver Ort in der DDR, der überall an der Grenze liegen könnte. Im Laufe des Spiels erstellt jeder Teilnehmer eine individuelle Biografie einer Schülerin oder eines Schülers der Polytechnischen Oberschule und durchläuft insgesamt drei Schuljahre, in denen verschiedene Fragen beantwortet werden müssen. Durch dieses Spiel erfahren die Schüler:innen auf spielerische Weise, wie es war, in der DDR aufzuwachsen, und können sich so in die Lage ihrer Eltern oder Großeltern hineinversetzen.
Um die Projektwoche abzurunden, konnten die Schüler:innen mit zwei Zeitzeugen ins Gespräch kommen. Zum einen mit dem ehemaligem Grenzsoldaten Olaf Becker, der auf dem Grenzlehrpfad in Wildeck spannende, lehrreiche und zum Nachdenken anregende Geschichten aus seiner Jugend erzählte, während die Jugendlichen historische Teile der „Mauer“ und einen Grenzwachturm besichtigten. Zum anderen mit dem ehemaligen Bausoldaten und jetzigem Akademiedirektor Dr. Sebastian Kranich, der über seine Opposition und sein Verhalten in der DDR berichtete und zudem spannende Fakten zum Thema Bausoldaten nannte.
Durch diese Zeitzeugengespräche wurden einige Schüler selbst aktiv und fragten nach, wie die Zeit bei ihren Eltern war und was diese für Erinnerungen haben. Somit entstand ein Raum für weitere interessante Gespräche zwischen Jung und Alt, welcher sehr wichtig ist, um diese Zeit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, damit ein menschenverachtendes System wie die DDR nie wieder existieren kann.
Mit diesem Satz in einem Brief an das befreundete Ehepaar Giedion brachte der in Apolda geborene Kunstkritiker, Künstler und Fotograf Franz Roh (1890 – 1965) sein Unverständnis zum Ausdruck, dass das Ordinariat der Münchener Kunstgeschichte ausgerechnet durch den Österreicher Hans Sedlmayr (1896 – 1984) besetzt worden war.
Nur drei Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus und somit der Phase effektivsten Ikonoklasmus gegen die moderne Kunst schrieb Sedlmayr das Buch „Verlust der Mitte“, eine Kampfschrift gegen die Kunst seit dem Klassizismus. Dieser sei die christliche Mitte abhanden gekommen. Zwischen den Zeilen führt Sedlmayr in seinem christlich-katholisch argumentierten Buch die Idee von der „entarteten“ Kunst weiter.
In Wien hatte er gleich 1945 als überzeugter Nationalsozialist seinen Posten als Ordinarius der dortigen Kunstgeschichte räumen müssen, um sich 1948 auf das Münchener Ordinariat zu bewerben, das er 1951 – da als Ausländer „unbelastet“ – auch trotz des Protests der Münchener Studierenden erhielt.
Franz Roh, seit seiner Jugend ein glühender Verfechter der Moderne, war in der Zeit des Nationalsozialismus vorübergehend im KZ Dachau inhaftiert; seine Texte wurden auf der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München zur Schau gestellt. Gleich nach Kriegsende bemühte er sich um die Rehabilitierung moderner Kunst. Als vollständig „Unbelasteter“ bekam er in München über mehrere Semester Lehraufträge, um den dortigen Lehrbetrieb sicher zu stellen.
Wie kann man sich die Konfrontation: der Nationalsozialist Sedlmayr als Vorgesetzter des die Moderne verteidigenden Lehrbeauftragten Roh vorstellen? Tatsächlich äußerte sich Roh in der Öffentlichkeit äußerst zurückhaltend über Sedlmayr, der sich ebenfalls um einen höflichen Umgang bemühte. In seinem privaten Umfeld hingegen kritisierte Roh seinen Vorgesetzten mit sehr deutlichen Worten. Sedlmayr wiederum intrigierte gegen den populären Kunstkritiker auf administrativer Ebene, bis dieser zwei Jahre später nach Sedlmayrs Bestallung das Handtuch warf.
Akademie-Mitarbeiterin Dr. Ulrike Wollenhaupt-Schmidt beleuchtete anlässlich der internationalen Tagung „Franz Roh. Neue Sachlichkeit und Logischer Empirismus“ 2017 in Wien diesen Aspekt, der im gerade erschienenen Tagungsband „franz roh. kunstkritiker. vorkämpfer der kulturmoderne“ beim Valep-Verlag in Wien veröffentlicht worden und auch als Open Source einsehbar ist.
Weitere Beiträge beschäftigen sich unter anderem mit dem Fotografen und Kunsttheoretiker Franz Roh, den von ihm geschaffenen Collagen, seinem Leben in der inneren Emigration und seinen Erfahrungen mit der Ausstellung „Entartete Kunst“.
Vor zahlreichem Publikum spricht Prof. Dr. Jörg Seiler (Uni Erfurt) zu Überzeugungen und Bekenntnissen katholischer Bausoldaten. Foto: (c) Wollenhaupt-Schmidt/EAT
Landesbischof und Friedensbeauftragter Friedrich Kramer diskutiert mit Ralf Haska, ehemaliger Pfarrer in Kyjiw, über Krieg und Frieden heute - moderiert von Sebastian Kranich. Foto: (c) Wollenhaupt-Schmidt/EAT
Bei der Lesung am Freitag Abend gab es auch musikalische Begleitung von "JULIEsingt", am Flügel Michael Stolle. Foto: (c) Wollenhaupt-Schmidt/EAT
Das Abschlusspodium drehte sich um Schutz und Asyl für Deserteure und Verweigerer aus Russland, Belarus und der Ukraine. Foto: (c) Wollenhaupt-Schmidt/EAT
Das Thema Bausoldaten sei nun wirklich ausgeforscht oder gar überforscht, heißt es manchmal in der Wissenschaft. Denn über diese Anomalie der DDR-Militärgeschichte sei genug geschrieben und gesprochen worden. Doch dann gibt es dazu doch wieder neue Forschungsprojekte.
Aller fünf Jahre erwacht zudem das öffentliche Interesse. Dann, wenn ein Jubiläum der „Bausoldatenanordnung vom 7. September 1964“ ansteht, berichten regionale und überregionale Medien. So war es auch zum 60. Jubiläum.
Im Zentrum der Aufmerksamkeit stand dabei die ausgebuchte Akademie-Tagung „60 Jahre Bausoldaten. Zeugnis – Zivilcourage – Diskriminierung“. Drei Dinge machten sie besonders: Wissenschaft und Zeitzeugen kamen überaus wertschätzend ins Gespräch bei der erstmaligen Präsentation der Forschungsergebnisse des Jenaer Projekts „Diskriminierung von Christen in der DDR: Bausoldaten – Totalverweigerer – Jugendliche im Widerstand“. Und als sechs junge Studentinnen aus Siegen im Erzählcafé auf zwei über 80-Jährige Bausoldaten der ersten Jahrgänge trafen, über die sie in einem Seminar gearbeitet hatten, empfanden das viele als Sternstunde.
Außergewöhnlich war auch der in weiten Teilen nachdenkliche Charakter der Tagung. Immer wieder kamen in Gesprächen, beim Lesen autobiographischer Texte, in einem Konzertgespräch oder im Gottesdienst eigene Diskriminierungserfahrungen aus der Bausoldaten- und DDR-Zeit zur Sprache, die die Waffendienst- und Wehrdienstverweigerer machen mussten. Die Jüngsten unter ihnen sind jetzt Mitte 50.
Bemerkenswert engagiert wurde schließlich die Frage nach Krieg und Frieden heute diskutiert. In gespannter Atmosphäre debattierte der EKD-Friedensbeauftragte Friedrich Kramer mit Ralf Haska, 2009-2015 Pfarrer in Kyiw. In der Sache konträr positioniert zeigten die beiden ehemaligen Bausoldaten, wie man fruchtbar streiten, ins Gespräch kommen und im Gespräch bleiben kann. Das Auditorium reagierte wiederholt mit Beifallsbekundungen – mit leichtem Vorteil für Kramer. Persönliche Angriffe, wie in solchen Diskussionen mittlerweile gang und gäbe, blieben Tabu.
Ebenso aufmerksam verfolgten die Teilnehmenden das Abschlusspodium „Russland, Belarus, Ukraine: Schutz und Asyl für Deserteure und Verweigerer“. Im Gottesdienst zuvor war reichlich gespendet worden für die „Bewegung für Kriegsdienstverweigerung in Russland.“ Schön, aber kein Wunder. Denn das individuelle Menschenrecht auf Kriegsdienstverweigerung ist unter Waffen- und Wehrdienstverweigerern unstrittig.