Bild: Maarten van Heemskerck (1498-1574), Jona in Ninive (Gravur)
„Bösewichte der Bibel“ – Und was wir von den unvollkommenen Gestalten lernen können ist das Thema der diesjährigen Sommer-Predigt-Reihe im Augustinerkloster Erfurt. Am 18. August widmete sich Akademiedirektor Dr. Sebastian Kranich darin dem Propheten Jona.
In der gut gefüllten Augustinerkirche sprach er über Fluchtreflexe, Ausweichmanöver, Wahrnehmungen von Erfolg und den Umgang mit tatsächlichen Niederlagen oder scheinbaren Misserfolgen. Wie Gott den verbitterten und tödlich beleidigten Jona mithilfe eines Rizinus zu therapieren versucht, lesen Sie in der Predigt.
Seit fast einem Vierteljahrhundert ist für die Oberstufe der Jenaplanschule Jena in der ersten Schulwoche nach den Sommerferien die sogenannte Ethikfahrt angesagt. Fast ebenso lange ist die Ev. Akademie als Kooperationspartnerin dabei und gestaltet Rahmen wie Inhalte mit. In diesem Jahr ging es erstmalig in die Jugendherberge Bad Sulza. Knapp 120 junge Menschen aus drei Jahrgangsstufen diskutierten sich in sieben verschiedenen Gruppen die Köpfe heiß unter der Überschrift „Schwierigkeiten mit der Wahrheit“.
Aus der politischen Jugendbildung der Akademie wurde eine Arbeitsgruppe zum Thema „Medien lügen nicht…“ gestaltet. Hier ging es um das Verhältnis von Realität und medialer Darstellung. Warum glauben wir Informationen in den Medien meist, obwohl wir sie häufig gar nicht überprüfen können? Woran erkennen wir, ob es sich um faktische Darstellungen wie Nachrichten handelt oder um einen fiktiven Medientext wie ein Computerspiel? Und was macht Social Media so anfällig für Falschinformationen? „Ohne Medien wäre unsere Gesellschaft safe aufgeschmissen“, zog ein Schüler sein Fazit am Ende, da so etwas wie gesellschaftliche Öffentlichkeit nur über Medien – seien sie nun analog oder digital – hergestellt werden kann. Ein wiederkehrende Beispielfrage lautete: Woher wissen wir eigentlich, dass Joe Biden US-Präsident ist? Und glauben wir diese Information eher der Tagesschau oder ihm selbst, wenn wir ihm gegenüberstehen?
Ein Schwerpunkt der Woche lag auf dem Zusammenhang von Antisemitismus und Falschinformationen und Verschwörungserzählungen. Zentral war hier die Erkenntnis, dass hinter den meisten Verschwörungsideologien antisemitische Narrationsmuster stecken, wie zum Beispiel das einer korrupten Finanzelite, die die Menschheit ins Unglück stürzen möchte. Von solchen Vorstellungen ist der Schritt zu offenem Antisemitismus nicht mehr weit.
Ein Highlight der Woche bildete ein Gespräch mit Martin Schmidt, Redakteur im Hauptstadtstudio der ARD, der aus dem Nähkästchen plauderte. Er berichtete von journalistischen Standards wie Vertraulichkeitsleveln im Gespräch mit Spitzenpolitik und brachte Anekdoten aus seinem Arbeitsalltag mit: zum Beispiel wie er unter Zeitdruck beinah in einer Liveschalte Fake News verbreitet hätte. „Es war super spannend zu sehen, dass die Tagesschau auch einfach von Menschen gemacht wird“, sagte eine Schülerin am Ende des Gesprächs, das die Jugendlichen selbst moderierten.
Ein schöner Arbeitsort für den neuen Studienleiter Justus Müller: die Jugendbildungsstätte Junker Jörg in Eisenach. Foto: (c) Möller/EAT
Es ist Zufall, dass sich die Buchstabenkombination „J“ und „u“ in unserer Mitteilung derart häufen, so dass man gerne und guten Rechts noch ein „Juhu!“ hinzufügen möchte – gar kein Zufall ist jedoch die Tatsache an sich: Seit Juni hat die Jugendbildungsstätte Junker Jörg (JJJ) in Eisenach mit Justus Müller als Projektstudienleiter für „Gamebased Learning in der historisch-politischen Jugendbildung“ einen neuen Kollegen im Team.
Neu ist Justus Müller zwar auf seiner Stelle, im JJJ ist er bereits seit Januar dieses Jahres aktiv; auf Honorarbasis arbeitete er bereits für die Bildungsmodule „Escape Room“ und die Projektwochen „Allersleben“ im Kontext der politischen Jugendbildung der Evangelischen Akademie Thüringen. Das Haus kennt er sowieso schon lange durch seine ehrenamtliche Mitwirkung im Jugendpolitischen Team (JPT) und beim Landesjugendkonvent.
Optimal war das Timing seines Arbeitsbeginns, denn kaum am Start, ging es schon mit dem Team der EAT auf Klausur nach Schönburg, wo es ausreichend Gelegenheit gab, die anderen Kolleg:innen sowie ihre Arbeitsbereiche und Themen kennenzulernen. Im Anschluss dazu fuhr der neue Studienleiter zur Workshop-Woche der Evangelischen Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung (et) nach Bad Herrenalb, eine weitere gute Möglichkeit, sich zu vernetzen und in den größeren Rahmen der politischen Jugendbildung innerhalb der Evangelischen Akademien Deutschlands einzusteigen. Und kaum zurück, folgte schon die erste mehrtägige Veranstaltung in Eisenach mit Jugendlichen, ein Sommerferien-Spieleworkshop zum Thema „Don‚t be an NPC. Nimm dein Leben in die Hand!“ Mit diesen drei Einstiegen bestätigte sich der erste Eindruck: Das Arbeitsfeld ist mit der Zusammenarbeit im Akademieteam, dem Umfeld der regionalen sowie deutschlandweiten Jugendbildung und den eigenen Veranstaltungen spannend und vielseitig!
Auf die Frage, was seine Pläne und Ziele für die kommende Zeit sind, hat Justus Müller viele Antworten: Für 2025 plant er einen Sommerworkshop zu Entscheidungsfindungen, den er in Absprache mit den Jugendlichen gestalten will. Auch die Weiterentwicklung und Anpassung der Bildungsmodule auf verschiedene Altersgruppen steht auf seiner Liste. Außerdem wird er für die Bonus-Ausstellung zum Thema „Jugend, Gott und FDJ. Der Kampf gegen die Kirche in der frühen DDR“ im Lutherhaus Eisenach (ab Februar 2025) die jugendpädagogische Betreuung übernehmen. Er möchte gerne sowohl die Ausstellung attraktiv für den Besuch und die Nutzung jugendlicher Gäste machen als auch mit ihnen etwas für die Ausstellung gestalten.
Justus Müller ist gebürtiger Erfurter und wohnt auch dort. Der 28jährige sagt von sich, er sei quasi „im Predigerkeller groß geworden“; schon als Jugendlicher war er im Kirchenkreis Erfurt aktiv. Er interessiert sich für Pen & Paper und Brettspiele aller Art, geht gerne pilgern oder Langstrecken-wandern inklusive Waldübernachtungen und schätzt die regelmäßige Familienzeit mit seinen beiden kleinen Nichten.
Das Team der EAT freut sich sehr über diesen Zuwachs und ist gespannt auf die zukünftige gemeinsame Arbeit mit dem netten Kollegen.
Die Dokumentation zum Projekt ist auf YouTube zu sehen. Foto: (c) Schreiter/EAT
Anfang Mai trugen acht Auszubildende im Projekt „Wer die Wahl hat… Unsichtbares Theater im Wahljahr 2024“ ihre Themen in den öffentlichen Raum in Gera. Die Jugendlichen erarbeiteten zwei Szenen zu den Themen Sexismus und Inflation, die im öffentlichen Raum aufgeführt wurden. Zufällige Passant:innen wussten gar nicht, dass sie gerade eine Theaterszene sehen. So waren sie auch nicht in einer zuschauenden Rolle und mussten sich zu den Geschehnissen verhalten. Die Theatralität blieb unsichtbar.
Das Projekt wurde von einem Filmteam begleitet und die Dokumentation ist nun auf YouTube zu sehen. Darin wird der Ursprung des „Unsichtbaren Theaters“ als Teil des Theaters der Unterdrückten nach Augusto Boal erklärt, das zu Zeiten der Militärdiktatur in Brasilien entstand. Das Bildungspotenzial liegt bei der Methode zum einen in der intensiven Analyse von Themen und ihren gesellschaftlichen Strukturen bei der Erarbeitung der Szenen – hier Sexismus und Inflation. Zum anderen führt das Spiel im öffentlichen Raum zu einer enormen Selbstwirksamkeitserfahrung für die Teilnehmenden. Weiterhin bietet die Auswertung der Reaktionen auf die Szene eine Möglichkeit, den eigenen Sozialraum zu erforschen. In der filmischen Dokumentation wird dieses Potenzial in Erfahrungsberichten der Teilnehmenden deutlich.
Passend zum Veranstaltungsort drehten sich einige Beiträge auch um Schiller und seine Schriften. Foto: (c) Zubarik/EAT
Ein schöner Ort für literarische Gespräche: der Garten des Schillerhauses in Rudolstadt. Foto: (c) Zubarik/EAT
Literarische Salons sind eine gute Tradition; auch zu Schillers Zeiten hat man sie gepflegt und nicht zuletzt für weibliche Literatinnen gehörten die Salons zu den wenigen Orten, an denen sie ihre eigenen Werke präsentieren und ihre fachkundige Meinung äußern konnten. Auch in der Evangelischen Akademie Thüringen sind Literaturgespräche in kleiner Runde zur Tradition geworden – in den Sommermonaten vornehmlich in Gärten.
Bei der gestrigen Veranstaltung dieser Art in Rudolstadt war Schiller denn auch sehr präsent: im Garten des ihm gewidmeten Hauses saßen neun Personen zusammen, darunter auch der Leiter des Schillermuseums Christian Hofmann, und sprachen – nicht nur, aber doch umfänglich – über Schiller, seine Zeitgenossen und wiederkehrende Bezüge zu unserer aktuellen Tagespolitik.
Los ging die Buchvorstellungsrunde mit dem episodisch geschriebenen Titel „Fabelhafte Rebellen“ von Andrea Wulf (2022), der mit vielen Originalzitaten und Briefausschnitten Einblick in das Alltagsleben und kulturelle Geschehen um 1800 gibt und verbindende Punkte im Kreis um die Schlegel-Familie, Fichte und Schiller beschreibt. Diejenigen Anwesenden, die das 500-Seiten-Werk schon gelesen hatten, bestätigten: „Es schmökert sich gut weg“, die anderen wurden neugierig und planen die baldige Lektüre.
Ein Teilnehmer brachte die vielseitigen Talente von Schiller als Universalgelehrtem mit Leseeindrücken aus drei verschiedenen Schriften zu Gehör: die biographischen Skizzen „Als ich zu Goethe kam“ (1974) von Jutta Hecker (Ehrenbürgerin von Weimar), Schillers Roman „Der Geisterseher“, der in Venedig spielt und zwischen 1787 und 1789 als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift Thalia erschien, sowie dem lange Zeit zur Pflichtliteratur im Deutschunterricht gehörigen Gedicht „Das Lied von der Glocke“, das Schiller 1799 – auch mit Bezügen zu Rudolstadt – verfasste.
Der Reigen der Bücher beinhaltete weiterhin den Roman „Pfaueninsel“ von Thomas Hettche (2014) und damit zusammenhängend Michael Stoffregen-Büllers romanhafte Biographie „Der Sandwich-Insulaner“ (2019); beide beschäftigen sich mit dem 19. Jahrhundert als Zeit der Entdeckungen und des Sammelns, der Sehnsucht nach Exotik und der Zurichtung der Natur. Mary Shelleys „Frankenstein“ (1818) wurde dabei auch gestreift.
Lokalen Bezug hatte der Lektürebeitrag zum 5. Band der Rudolstädter Schriften zur Geschichte des Rudolstadt-Festivals, „Das schönste Kind der Deutschen Einheit“ vom Autor Bernhard Hanneken. Politische Brisanz wiederum brachte Hendrik Cremers kürzlich erschienenes Buch „Je länger wir schweigen, desto mehr Mut werden wir brauchen“ zum Ausdruck.
Wegen seiner sowohl sprachlichen als auch fachlichen Dichte wurde Jenny Erpenbecks Liebesgeschichte „Kairos“ (ausgezeichnet mit dem internationalen Booker-Preis 2024) gelobt. Als intensive und schockierende Lektüre wurde Alexander Solschenizyns mehrbändiger Titel „Der Archipel Gulag“ vorgestellt.
Den Abschluss machte eine Sammlung von Kurzgeschichten – Mythen, die in der DDR so nie passiert, aber so gut erzählt sind, dass sie genauso gut hätten wahr sein können: Es handelt sich um Jakob Heins „Antrag auf ständige Ausreise. Und andere Mythen der DDR“ (2007).
Der nächste Literarische Runde findet statt am 13. August im Garten des Zinzendorfhauses Neudietendorf. Noch gibt es freie Teilnahmeplätze. Ob Schillers Geist und Werk wieder mit von der Partie sein werden, sei dahingestellt. Man darf jedoch sicher gespannt sein, welche Lesefunde mitgebracht werden.
Im Sommer 2024 ist Akademiedirektor Dr. Sebastian Kranich erneut Kurpastor auf der Halbinsel Mönchgut. Zum vierten Mal verbindet er auf diese Weise Ostsee-Urlaub und Pfarrdienst.
Im Südosten Rügens können Sie ihn bei einem Theaterabend und drei Konzerten treffen: Am 23. Juli moderiert er ein Christian-Morgenstern-Programm in der Dorfkirche Göhren. Am 29. Juli begleitet er ein Folk-Konzert in der Gnadenkirche Sellin, am 5. August ein Geistliches Konzert und am 12. August ein Jazz- und Weltmusik-Konzert, beide in der Dorfkirche Baabe. Beginn ist jeweils 19:30 Uhr.
Den Talar trägt Sebastian Kranich zum Gottesdienst im Altenpflegeheim Haus Gottesgruß in Göhren am 26. Juli um 9:30 Uhr, zu den Gottesdiensten um 10 Uhr in Baabe, am 28. Juli und am 4. August in Göhren sowie zu den Abendgottesdiensten um 19:30 Uhr am 4. August und am 11. August in der St.-Katharinen-Kirche in Middelhagen.
Wenn Sie in diesen Sommertagen ebenfalls auf Rügen oder gar auf Mönchgut sind: Herzliche Einladung zu Theater, Konzerten und Gottesdiensten. Den gesamten Terminkalender der Kirchengemeinde Mönchgut-Sellin sehen Sie auf der Website der Gemeinde.