Vortrag von Prof. Dr. J. Thomas Hörnig | Foto: EAT
Vortrag von Dr. Uwe Kaminsky | Foto: EAT
Abschlusspodium | Foto: EAT
Helga Schubert nahm sich die Zeit. Das Thema interessiere sie sehr, so ließ die Bachmann-Preisträgerin ausrichten und anfragen, ob sie über ihre Lesung hinaus an der Tagung „Wert und Unwert des Lebens? Kirche und Eugenik“ teilnehmen könne. Was für eine Frage!
Und so reihte sie sich ein in die Phalanx der Expertinnen und Experten, die mit den Teilnehmenden vom 12. bis 14. Juni im Zinzendorfhaus Neudietendorf in einen intensiven Austausch traten.
Sie wisse nicht, ob sie so etwas lesen, sich so etwas antun wolle, hatte eine Lehrerin gemeint, als Helga Schubert von der Recherchearbeit an ihrem 2003 erschienenen Buch „Die Welt da drinnen – Eine deutsche Nervenklinik und der Wahn vom lebensunwerten Leben“ berichtete. Sind wir da heute weiter?
NS-Krankenmorde und NS-Zwangssterilisierungen sind mittlerweile gut erforscht. Das wurde bei der Tagung deutlich. Es gibt Dokumentationen, Datenbanken, Ausstellungen, pädagogische Projekte, Aufarbeitungsinitiativen, Gedenktafeln, Stolpersteine, Gedenkstätten. Doch zugleich bringen gezielte Recherchen und Blicke in die Akten immer wieder neue Fälle und Schicksale ans Licht, auch im Bereich diakonischer Anstalten. Und vor allem: Wie sieht es in den Köpfen unserer Zeitgenossen aus?
Laut Thüringen-Monitor stimmt ein erheblicher Anteil der Befragten der Aussage zu: „Es gibt wertvolles und unwertes Leben“. In Mecklenburg ist es offenbar nicht viel anders: „Aber da ist doch kein Leben mehr. Geben Sie ihren Mann doch ein paar Tropfen Morphium“ – so sagten manche Leute, als Helga Schubert ihren schwerstkranken und dementen Mann im Rollstuhl durch das Dorf schob, ihrem geliebten Mann, der „in allem fast Weggeworfenen das Heile“ sah.
Deutlich wurde bei der Tagung auch, wie die AFD an das Gedankengut der negativen wie positiven Eugenik anknüpft und behindertenfeindliche Positionen vertritt: An die „Eugenik“, die nie eine Wissenschaft gewesen ist, auf einem naturalistischen Fehlschluss beruht, die aber momentan in der Ideologie des „Transhumanismus“ im „Silicon Valley“ in phantastisch-szientistisch-utopischer Form wiederkehrt.
All dies, so wurde deutlich, macht die Thematik brisant und hochaktuell. Daher dürfen wir gespannt sein auf die kommende Impulsausstellung „Lebenswert? Kirche und Eugenik“ im Lutherhaus Eisenach, in deren Vorfeld die Akademietagung stattfand. Sie wird ab dem 1. Februar 2027 zu sehen sein.
Die Folien zu den Vorträgen auf der Tagung finden Sie hier zum Download.
Bodenlos in Bad Frankenhausen: Auf dem Glasbalkon am Schiefen Turm. Das neue Wahrzeichen der Stadt ist schiefer als der Turm von Pisa und wartet mit ausgeklügelter Stabilisierungstechnik auf. Foto: (c) Fehlberg/EAT
Eine sehr alte Problemstellung: Regionalbischöfin Friederike Spengler eröffnete die Tagung mit alttestamentarischer Eigentumserfahrung und -regelung. Sie gab zudem einen Einblick in das aktuelle kirchliche Landeigentum. Foto: (c) Fehlberg/EAT
Der Tagungsort: Das ehemalige HO-Kaufhaus unweit des Angers. In diesem vergleichsweise kühlen Raum konnte man der klimawandelbedingten Rekordhitze in Deutschland trotzen. Foto: (c) Fehlberg/EAT
Appell von Prof. em. Dr. Christel Köhle-Hezinger (vorne re.) und Kollegin Jana Kämpfe: Zukunftsorientierte Wissenschaft kann nicht auf Rechts-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte verzichten. Foto: (c) Fehlberg/EAT
Verköstigung der Teilnehmenden an der Unterkirche: Die Streuobstwiesen-Küche der Frankenhäuser Festspiele reicht warmes Essen, regionale Köstlichkeiten und kühle Getränke am Abend. Foto: (c) Fehlberg/EAT
Es steht was schief am Kyffhäuser. Schiefer noch, als in Pisa. Am letzten Wochenende wurde der Schiefe Turm zu Bad Frankenhausen dem Publikum zugänglich gemacht. Wer Perspektivänderungen am eigenen Leib erfahren will, der sollte den Turm der Oberkirche hinaufsteigen. Das Problem der „Bodenlosigkeit“ im Turmuntergrund haben Stadt und Bürger zu einer eindrucksvollen historisch-technischen Landmarke® (!) gemacht.
Soziale, ökonomische und ökologische Bodenlosigkeiten waren indes Gegenstand einer Tagung, die am 26. und 27. Juni 2026 im ehemaligen HO-Kaufhaus in der Nähe der Frankenhäuser Unterkirche stattfand: Verlust und Renaissance der Allmenden. Gemeingüter heute vor dem Hintergrund historischer Bauernrevolten.
Die Tagung wurde vom Heimatbund Thüringen und den Frankenhäuser Festspielen ausgerichtet sowie von der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung und der Evangelischen Akademie Thüringen unterstützt. Frankenhäuser Boden bleibt trotz aller Verkarstung sehr fruchtbar: Im April 2023 hatte die EAT im Panorama-Museum über der Stadt die Veranstaltungsreihe Land. Wirtschaft. Kollektiv. mit ins Leben gerufen.
Meer, Mond, Mars: Privatisierung endet nicht bei Allmenden und Deutscher Bahn
Dass das Thema Natureigentum weiterhin hochaktuell ist, zeigen die Ambitionen der reichsten Menschen der Welt, sich inmitten irdischer Kriege und Krisen schon mal die „besten Stücke“ vom Meeresgrund, vom Mond und selbst vom Mars zu sichern. Aneignung first, Menschheit second. Angesichts dieser globalen Schieflage muss der Oberkirchenturm als Hort der Stabilität gelten.
Die Veranstaltung mit über 40 in der exakt genauso hochgradigen Rekordhitze ausharrenden Teilnehmenden stellte die Frage, wie gesellschaftliches Wirtschaften zwischen gemein- und privatwirtschaftlichen Organisationsformen von (Land-)Gütern am lebensdienstlichsten für alle gestaltbar ist. In Fortführung der Erklärung von Bad Frankenhausen anlässlich von 500 Jahren Deutscher Bauernkrieg 2025 gruppierten sich die Beiträge vor allem um die Rechts-, Wirtschafts- und Kulturgestaltung des Thüringer Landes.
Privilegierung weniger, Entmündigung vieler
Den historischen Einstieg in dieses weite Feld boten die landwirtschaftlichen Allmenden – dorfgemeinschaftlich zugängliche und nutzbare Naturräume wie Wälder, Weiden und Wässer. Diese sind im Laufe der Herrschafts- und Rechtsentwicklung privatisiert und schließlich am Ende des 18. Jahrhunderts mit „aufgeklärtem“ Rechtsverständnis endgültig der kapitalistischen Waren- und Gewinnerzielungslogik anheimgegeben worden.
Regionalbischöfin Friederike Spengler eröffnete die Tagung mit den theologischen Grundlagen von Besitz und Eigentum und stieß beim Publikum damit auf offene Ohren. „Darum soll das Land nicht für immer verkauft werden; denn das Land ist mein, und ihr seid Fremdlinge und Beisassen bei mir[.]“, heißt es im Dritten Buch Mose 25, Vers 23.
Eigentum, Besitz und auch Nutzung repräsentieren hier allesamt nur Gaben auf Zeit, die aufgrund ihrer Lebensermöglichung und Unwiederbringlichkeit sozial und ökologisch pfleglich behandelt gehören. Wochenlauf, Sabbatjahr, Erlassjahr – das siebentägige und siebenjährige Ruhen von Ackerland und Vieh sowie die soziale Regeneration gingen Hand in Hand. Eigentum bedeutete weniger Besitz als Verantwortung – über den Eigentümer und dessen Interessenhorizont hinaus.
Gott gehört das Land. Es war einmal?
Der Respekt vor den lebendigen Grundlagen der menschlichen Existenz, die nicht vom Menschen hergestellt oder „betrieben“ werden können, prägten das Lebens- und Weltbewusstsein. Die Unmittelbarkeit zu Gott als die „letztinstanzliche“ Anknüpfung des Lebenszusammenhangs an Mächte, die über dem vergänglichen und irrenden Einzelnen stehen – diese Sichtweise konnten etliche Teilnehmende in den spirituellen Lebensvorstellungen von Dorfgemeinschaften in Afrika wiedererkennen, in denen lebensspende Elemente wie Wälder und Quellen zugleich heilige Wohnorte der Ahnen sind.
Menschen existieren nicht als lose verbundene Individuen, sondern ganz selbstverständlich als aufeinander angewiesene Gemeinschaft, die sich über Generationen hinweg und in biografischer Vielfältigkeit durch die Zeiten hindurch bewegt und für ihr überindividuelles Dasein sorgen muss.
Gesellschaft und Gemeinschaft. Grundfragen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
Beginnend in der Frühen Neuzeit ab dem 15. Jahrhundert – gerade auch mit dem Bauerkrieg und auf dem Schauplatz Bad Frankenhausen – wurde das „alte Recht“ auf die gemeinschaftliche Nutzung von Allmenden durch Grundherren und Klerus angegriffen. Deren Einhegung und Markierung von Flächen sowie die entsprechende Einschränkung der bisherigen Nutzungsrechte – eben: Privatisierung – verschlechterte die wirtschaftliche Existenzfähigkeit von Bauern und Handwerk, deren Wirtschaftsgrundlage vor allem die Allmenden neben den eigenen Ackerflächen waren.
Das damalige Rechtswesen – so führten die Volkskundlerinnen Christel Köhle-Hezinger und Jana Kämpfe anschaulich aus – orientierte sich in starker Anlehnung an die Antike am Recht des Römischen Reiches. Das römische Imperium basierte seit dem Zwölftafelgesetz um 450 v. Chr. zunehmend auf einem allumfassenden (männlichen) persönlichen Eigentum, was Entwicklungen der ökonomischen Anhäufung und der Konzentration begünstigte.
Von Menscheneigentum über Großgrundbesitz zurück zur Gemeinwirtschaft?
In der langfristigen Wirkungsanalyse dieser Art Eigentum hatten einige Römer übrigens schon damals über den Untergang kleinbäuerlicher Strukturen bemerkt: „Der Großgrundbesitz hat Italien ruiniert!“ (Plinius der Ältere um 79 n. Chr.). Menscheneigentum und Sklavenhaltung im großen Stil hatten zusätzlich Gemeinschaftsstrukturen in Stadt und Land aufgebrochen, die Römische Republik war in eine Monarchie übergegangen. Deren Herrschertitel Kaiser ging auf einen der Superreichen seiner Zeit zurück, den Diktator Caesar, mit dem die Republik endete.
Etliche frühe Stadt- und Flusszivilisationen waren sogar schon zu biblischen Zeiten an den gesellschaftlichen Organisationsaufgaben gescheitert, deren Herausforderung weniger in technologischen Möglichkeiten als in der ethisch-rechtlichen Gesellschaftsorganisation verborgen liegt. Ninive, Sodom, Gomorrha – diese Stadtgeschichten künden vom Zivilisationsverfall, der nicht nur sozialmoralische (Gottlosigkeit) sondern auch sozialorganisatorische Zustände umfasste (Gerechtigkeit).
Planetare Grenzen: „Wir können uns die Reichen nicht leisten!“
Es ist kein Geheimnis: In der heutigen Zeit ist die globale Menschheit an ihre endgültigen, ihre „planetaren Grenzen“ gestoßen. Abgehobene Superreiche wie der „erste Billionär“ Elon Musk erhoffen sich die Erlösung im Weltall und in der Überwindung des Menschseins mit dem sogenannten Transhumanismus. Die Eroberung des Planeten Mars scheint wichtiger als die Erhaltung des Planeten Erde. Der römische Kriegsgott Mars ist kein gutes Omen für diese Bestrebungen.
Insofern ist die Rückbindung an die Frage von Allmenden und (Bauern-)Revolten keineswegs eine Es-war-einmal-Betrachtung, sondern ein Anstoß, die Zukunft von lokalen, regionalen und globalen Lebensräumen gestalterisch und gemeinschaftlich in die eigenen Hände nehmen. Auf der Tagung präsente Praxis-Beispiele wie die Kulturland-Genossenschaft oder das AllmendeLand-Projekt gaben handfeste Einblicke in gemeinschaftliche Landbewirtschaftung heute.
Haltung ist gut, Organisation ist besser
Ein gutes Leben mag Haltungsfrage sein. Vor allem aber bleibt es eine sozialökonomische Organisationsaufgabe. Ein Blick in die Geschichte darf dabei nicht als nostalgischer Blick in eine abgestorbene Vergangenheit begriffen werden, sondern als Erschließung des Erfahrungs- und Möglichkeitsraums in Gegenwart und Zukunft.
Alle zwei Jahre feiert die Evangelische Akademie Thüringen ein Sommerfest. Vergangenen Samstag, den 20. Juni, war es wieder so weit:
Hinter dem Akademiegebäude, im Garten des Zinzendorfhauses, sammelten sich bei warmem Sonnenschein die zahlreich erschienenen Gäste – darunter Mitglieder des Freundeskreises der Akademie und anderer Gremien wie z.B. des Kuratoriums, weiterhin Stammpublikum des Veranstaltungsprogramms, Kooperationspartner:innen und Referent:innen, ehemalige Mitarbeitende sowie Politiker:innen und Akteur:innen aus der Region und darüber hinaus.
Der Vorsitzende des Freundeskreises Reinhard Hild eröffnete offiziell das Fest und lenkte den Blick auf die langjährige, beständige Zusammenarbeit der Freund:innen der Akademie und des Teams der Mitarbeitenden: „Begegnung lebt von Zeit und die Akademie nimmt sich diese Zeit.“
Nach einer weiteren Begrüßung durch Akademiedirektor Dr. Sebastian Kranich, in der die kommenden Veränderungen im Mittelpunkt standen, begaben sich die Gäste – versorgt mit Kaffee und Kuchen und nach ersten informellen Gesprächen – zum Chorsaal des Zinzendorfhauses. Hier gab es eine gute Stunde Morgenstern zu genießen, mitgebracht von Cornelia Thiele und Thomas Kieck (beide vom KIECK-Theater Weimar unter dem Programmtitel „Der Unverbeß“. Mit Wieseln auf Kieseln, wehenden Winden und Lattenzäunen wurden stimmgewaltig und musikalisch die Galgenlieder präsentiert.
Kulturell gestärkt war es danach Zeit für andere, und zwar kulinarische Stärkung am Buffet, das die Küche des Zinzendorfhauses vorbereitet hatte. Neben der Möglichkeit zu ausführlicheren Gesprächen gab es auch eine Begegnungsaktion aus dem Bubble-Crasher-Projekt. Hierbei kamen Gäste, die sich noch nicht kannten, miteinander ins Gespräch oder wurden gemeinsam kreativ: so entstanden der neue Feiertag „Großelterntag“ und eine Wäscheleine voller Wünsche an alle Anwesenden. Bei einem kühlen Getränk klang der Abend entspannt aus.
Der Kinoraum des Schambrowski in Erfurt war am 16.6. gut gefüllt bei der Filmvorführung von "Die Unbeugsamen 2". Foto: (c) Zubarik/EAT
In der Pause wurde vielseitig und in vielen Grüppchen vor dem Schambrowski diskutiert. Foto: (c) Zubarik/EAT
Auf dem Podium diskutierten Zeitzeugin Tely Büchner (li.) und Nele vom Feministischen Forum Erfurts (mi.) mit Sara Marie Schläger (re.).
Am 16.06.2026 war das Schambrowski – Kino, Filmverleih und Fachbibliothek für Graffiti im Erfurter Norden – bis auf den letzten Platz gefüllt. Es stand die Veranstaltung unserer FSJlerin unter dem Titel „Gleichstellung im DDR-Alltag? Zwischen Kindern, Küche und Karriere“ an.
Der Abend begann mit dem gemeinsamen Schauen des Filmes „Die Unbeugsamen 2 – Guten Morgen, Ihr Schönen!“, der das Leben von Frauen in der vermeintlich gleichberechtigten DDR thematisierte. Während des Films fiel nicht nur die starke Überlastung dieser Frauen auf, sondern auch ihre große Kraft sowie ihr bewundernswertes Durchhaltevermögen. Sie durften im Vergleich zu den Frauen in der BRD arbeiten und mussten das sogar, da die DDR die Arbeitskräfte brauchte. Nach den teils sehr langen Arbeitstagen waren sie zu Hause noch für die Haushaltsarbeiten und die Kindererziehung (Care-Arbeit) verantwortlich, was zu einer dreifachen Belastung führte. Die interviewten Frauen im Film versuchten durch einen seht trockenen Humor mit diesem Erschöpfungsgefühl besser umgehen zu können. Eine weitere Stütze für sie damals war die Oma, die in vielen Familien eine Entlastung darstellte und sich um die Kinder kümmerte.
Im Anschluss an den Film fand ein Podiumsgespräch mit der Zeitzeugin Tely Büchner und Nele vom Feministischen Forum Erfurts statt, welches durch unsere FSJlerin Sara Marie Schläger moderiert wurde. Dabei erzählte Tely Büchner, die damals in einer Künstlerinnengruppe aktiv war, wo und wann sie Widerstände im Alltag wegen ihres Engagements erfuhr. „Wenn wir wichtige Entscheidungen treffen mussten, besprachen wir das immer bei Spaziergängen und nie zu Hause“, erzählte sie, aber auch heute gibt es noch Widerstände, wie Nele erklärte, wobei es zumeist nur kleine Bemerkungen im Alltag sind, die häufig aus veralteten Geschlechterbildern heraus entstehen. Auf die Frage nach Unterschieden zwischen dem damaligen und dem heutigen Feminismus entgegnete Tely Büchner, dass es heutzutage viel mehr um die faire Aufteilung der Care-Arbeit geht und Nele führte weiter aus, dass der heutige Feminismus viel intersektionaler begriffen wird, weswegen häufig die Rede von Queerfeminismus ist. Dabei wird ein besonderer Fokus auf Menschen gelegt, die keine cis-Frauen sind, also Personen, deren Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt zugewiesenen weiblichen Geschlecht nicht übereinstimmt, sowie auf Mehrfach-Marginalisierungen, wie sie zum Beispiel Transpersonen erleben, die zusätzlich noch Diskriminierung als Person of Color erfahren. Das wird auch in der Musikkultur mit Rapperinnen wie Ikkimel deutlich, die bewusst negativ konnotierte Begriffe als positive Eigenschaften wiederverwendet.
Nach diesem sehr schönen Abend bleibt offen, wie sich die queerfeministischen Bewegungen weiterentwickeln und ob wir in ein paar Jahren über ganz neue Themen diskutieren werden.
Evangelische Akademie an der Uni: Daniel Marwecki von der Universität Hongkong über die "Entzauberung Europas" und europäische Perspektiven in den Krisen der Gegenwart. Foto: (c) Hellwig/EAT
Eine ikonische Inszenierung der Sage von der entführten Europa. Valentin Serov schuf das Werk wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg (Der Raub der Europa 1910). (c) Wikimedia Commons
Was hat die Deutsche Bahn mit deutscher Außenpolitik gemeinsam? Deutschlands Nimbus als verlässliche „Multilateralmacht“ mit unerschütterlichen Tugenden ist entzaubert worden. Die Gründe sind vielfältig – aber Deutschlands Entpuppung von der Führungsmacht zur „Ohnmacht des Völkerrechts“ hat unzweifelhaft eine große Rolle gespielt (mit dem Nürnberger Völkerrechtler Christoph Safferling gesprochen).
Außenminister Johann Wadephul klagte kürzlich darüber, Deutschland sei offenbar von etlichen Staaten nicht ernst genommen und bei den Vereinten Nationen sogar getäuscht worden. Mehrere Staaten hatten bei der Wahl der nicht-ständigen Sitze im UNO-Sicherheitsrat am 3. Juni 2026 nicht Wort gehalten, so Wadephul sichtlich getroffen im Tagesthemen-Interview: „Wir hatten aus den Gesprächen das Gefühl, dass wir wirklich gute Chancen hätten haben sollen […]. Da hat uns vielleicht nicht jeder ehrlich das gesagt, was er wirklich nachher gemacht hat, anders kann es ja gar nicht sein.“
Nahkriegs-Erfahrungen entzaubern Deutschland und Europa
Die Welt ist eine raue See. Die andauernden Nahkriegs-Erfahrungen in Nahost und in der Ukraine schrecken alle Europäer auf. Anderswo auf der Welt war ebendiese schon immer rau und so kann der Vorgang der „Entzauberung“ – als ein Vorgang des plötzlichen „Gewahr-“ und „Bewusstwerdens“ verstanden – getrost auch auf Europa als geografische und politische Weltgegend ausgeweitet werden.
An diesen neuralgischen Punkten setzte Daniel Marwecki in der Veranstaltung „Europas Entzauberung“ am 11. Juni 2026 an. Vortrag und Diskussion waren von der Evangelischen Akademie Thüringen in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Sophia Hoffmann von der Forschungsgruppe Sicherheitskapitalismus an der Universität Erfurt organisiert worden. Vor 50 ganz überwiegend studentischen Hörer:innen war der Abend auf die kritisch-konstruktive Krisenbewältigung Europas fokussiert.
„Doppelmoral ist ein Privileg der Mächtigen“
Marweckis aufsehenerregendes Buch Die Welt nach dem Westen (2025) bot hierfür die analytische Grundlage und Ausgangsposition. – Seine plakative These darin: Europa stolpere „ahnungslos in eine neue, multipolare Welt“. Man findet Absätze wie diesen, der Deutschlands arrogante Selbstbezogenheit schon lange vor der entzaubernden Wahl des UN-Sicherheitsrats zutreffend beschreibt:
》“Doppelmoral ist ein Privileg der Mächtigen. Da Deutschland seine proklamierten Werte weder vorlebt noch ein dominanter, weltgestaltender Akteur ist, kommt der außenpolitischen Rede von Werten eine eher innenpolitische Funktion zu. Es geht darum, sich gut zu fühlen, ohne es auch sein zu müssen.“《
Und das ist ein wesentlicher Punkt des Abends: Deutschland und mit ihm Europa hätten längst eine Neubewertung von Welt und Selbst durchführen müssen. Statt das Ruder zumindest schon mal geistig herumzureißen, fährt der Tanker Europa weiter in Richtung Selbsttäuschung statt Selbsterkenntnis. Europa lebt in seiner Welt, nicht in der Welt. Statt eines aus der Eigenmechanik des Kapitalismus abgeleiteten militär-ökonomischen „Rüstungs-Keynesianismus“ als einziger Antwort auf die Polykrise der Zeit müsse Europa die Optionen eines „würdevollen Abstiegsmanagements“ erwägen, so der Politikwissenschaftler, der an der Universität Hongkong lehrt.
„Geopolitik“ und „Ewiger Frieden“ passen nicht zusammen
In der Wiederaufnahme klassisch nationaler und imperialistischer Denkweisen – Marwecki bezog gegen die Renaissance des Begriffs „Geopolitik“ dezidiert Stellung – liege jedenfalls keine erfolgversprechende Strategie, kein Rezept für Kants „Ewigen Frieden“.
Konstruktion statt Destruktion, Funktionalität statt Dysfunktionalität, Staatskunst statt Deutsche Bahn: „Die Verrohung der internationalen Politik geht mit der Verrohung im Innern der Gesellschaft einher. Es sind Zeiten, in denen die Besten entkräftet aufgeben und die gröbsten Seelen am stärksten glühen.“ Nicht jedem Gedankengang Daniel Marweckis mochte das gesamte Publikum restlos folgen – aber die interdisziplinäre Anregung, der empathische Optimismus und vor allem die Energie, die durch den Vortrag und die Diskussionsbeiträge durchschienen, aktivierten alle Anwesenden.
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Die zuletzt von Daniel Marwecki erschienenen Bücher:
Vorbereitungen auf Gespräche im öffentlichen Raum rund um den Gendarmenmarkt in Berlin. Foto: (c) Tippelhoffer/EAT
Warm-Up mit allen teilnehmenden Schüler:innen aus unterschiedlichen Schulen in Berlin und Brandenburg in der Französischen Friedrichstadtkirche. Foto: (c) Tippelhoffer/EAT
"Nicht ohne uns über uns". Foto: (c) Tippelhoffer/EAT
Wie sieht die Welt außerhalb der eigenen Bubble aus? Mit dieser Frage beschäftigten sich 18 Schüler:innen der Klassenstufen 9 bis 12 beim Bubble Crasher-Workshop im Rahmen des Demokratieforums der Evangelischen Akademie zu Berlin am 9. Juni 2026 in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin. Statt im Seminarraum fand der Bubble Crasher-Workshop dort statt, wo Demokratie jeden Tag gelebt wird, im öffentlichen Raum.
Nach einer gemeinsamen Reflexion über die eigenen Lebenswelten, Informationsräume und Gewohnheiten ging es schnell vom Nachdenken ins Handeln. Ausgestattet mit Kreide, Pappschildern und einer Portion Neugier machten sich die Jugendlichen auf den Weg in den öffentlichen Raum. Dort warteten kleine Challenges, Perspektivwechsel-Übungen und vor allem Begegnungen mit Menschen, die sie sonst vermutlich nicht angesprochen hätten.
Besonders beeindruckend war die Offenheit, mit der sich die Teilnehmenden auf die Gespräche einließen. Statt oberflächlicher Smalltalks entwickelten sie eigene Fragen, die schnell zu persönlichen und nachdenklichen Antworten führten. „Was erwartest du von deiner Zukunft?“, „Welchen Rat würden Sie uns, der jüngeren Generation geben?“ oder „Was bedeutet für dich Liebe?“ Fragen, die Passant:innen zum Nachdenken brachten und überraschende Geschichten hervorlockten.
Die Jugendlichen erfuhren dabei, wie bereichernd es sein kann, Menschen mit anderen Erfahrungen, Perspektiven und Lebensentwürfen zuzuhören. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Demokratie nicht nur in politischen Debatten stattfindet, sondern auch im alltäglichen Gespräch, im Interesse füreinander und in der Bereitschaft, die eigene Sichtweise zu hinterfragen.
Wer seine Bubble verlässt, entdeckt nicht nur neue Perspektiven, sondern oft auch unerwartete Gemeinsamkeiten. Genau darin liegt eine wichtige Grundlage für demokratisches Miteinander.