Kaum reichte der Tisch, noch die Zeit bei so vielen literarischen Funden. Foto: (c) Zubarik/EAT
Vor der Runde im Garten bot Michael Gutberlet eine 45-minütige literarische Stadtführung an. Foto: (c) Zubarik/EAT
Alljährlich im Juli geht der Literarische Garten auf Tour nach Rudolstadt. Im lauschigen Garten des Schillerhauses fanden sich am Dienstag, 14. Juli gleich 14 Personen ein, um über ihre mitgebrachten Bücherfunde zu sprechen. Wie immer waren die Vorstellungen vielseitig: Romane, Biographien, Sachbücher, aber auch ein Krimi und ein Thriller und Satirisches waren dabei – das meiste davon nach der Jahrtausendwende erschienen. Von den Schauplätzen ging die Reise nach Grönland, in die Provence, nach London, auf eine tropische Insel, mehrfach Deutschland und immer wieder in die USA. Kritisches war dabei zu Konsumkultur, Umweltzerstörung und Klimawandel, aber auch Romantisches zu Kindheitserinnerungen und literarisch Experimentelles zur Nichtlinearität von Lebensläufen und Familiengeschichten.
Wer sich für die kommende Urlaubszeit inspirieren lassen möchte, findet hier alle vorgestellten Werke (das Erscheinungsdatum bezieht sich jeweils auf die Erstveröffentlichung des Originals):
Vor der eigentlichen Literaturrunde im Garten gab es noch ein besonderes Highlight zum Einstieg: Michael Gutberlet führte durch die Innenstadt an Orte mit literarischem Bezug, von denen Rudolstadt sehr viele zu bieten hat.
Der Literarische Garten ist eine Veranstaltungsreihe, die an verschiedenen Orten und Einrichtungen stattfindet. Sollten Sie Interesse an der Organisation eines Termins haben, sprechen Sie uns gerne an.
Schottenkirche Erfurt: Projekt ökumenische Jugendkirche | Foto EAT/SK
Die katholische Kirche in Erfurt nimmt vier von sieben Kirchen aus dem gottesdienstlichen Gebrauch – zum 1. Advent 2026. Diese Nachricht platzte in die Planung der Tagung „Laufsteg statt Liturgie“ und ließ es noch dringlicher erscheinen, in ökumenischer Perspektive über die Umnutzung von Kirchen zu diskutieren.
Vom 1. bis 3. Juli trafen sich dazu Fachleute, Ehrenamtliche, Studierende und weitere Interessierte im Bildungshaus St. Ursula Erfurt. Beim abendlichen Eröffnungspodium stellte Prof. Monika Grütters (Kulturstaatsministerin a.D.) klar: Ihr blute das Herz, wenn Kirchen profaniert werden. Zugleich gebe es weniger Kirchenmitglieder und weniger kirchliche Mittel für deren Erhalt. Daher solle sich der Staat „an den Gedanken gewöhnen, dass er eine Mitverantwortung für Kirchen als kulturelle Ankerpunkte geistlichen und öffentlichen Lebens hat“. Für Umnutzungen gelte aus ihrer Sicht grundsätzlich: „Besser als der Abriss einer Kirche ist eine private Nutzung, etwa als Büro oder Wohnung. Noch besser als eine private Nutzung ist eine öffentliche Nutzung – zum Beispiel als Museum, Kita oder Kulturort. Noch besser als eine öffentliche Nutzung ist eine kirchliche Nachnutzung, zum Beispiel als Kolumbarium“ – so Monika Grütters auch in einem Interview anlässlich der Tagung. Dipl.-Ing. Elke Bergt (Leiterin des EKM-Baureferats) skizzierte die gegenwärtige Lage so: Die mitteldeutsche Landeskirche sei „steinreich“ an Gebäuden und „arm“ an Geld. Zugleich gebe es 400 Kirchbauvereine, die sich vor Ort kümmern. In den kommenden Jahren müsse ein gestuftes Nutzungskonzept umgesetzt werden – vom Vollbetrieb bis hin zum Dornröschenschlaf. Gute Ideen zur Umnutzung gebe es sehr viele, aber die Umsetzung von Modellprojekten gestalte sich oft schwierig. Dr. Thomaš Holub schilderte eine noch drastischere Lage. Als katholischer Bischof von Pilsen habe er in den letzten Jahren reihenweise die Übergabe von Kirchgebäuden an die Kommunen begleitet. Diese gestaltete sich jedoch sehr gut, da eine neue Generation in den Kirchen ihre Wurzeln suchte, die sie nicht hat. Seine Realität sei: 90 Prozent der Kirchgebäude müssen abgegeben werden, um 10 Prozent zu erhalten. Dr. Tobias Knoblich (Staatssekretär im Thüringer Ministerium für Digitales und Infrastruktur) beschrieb Kirchen als wesentlich für die baulich-geistliche Topographie. Sie dürften nicht zu Spekulationsobjekten werden, sondern seien gerade bei Umnutzungen sensibel, mit Respekt und Demut zu behandeln. Kirchen seien Gemeingüter – auch in der Hinsicht baukultureller Bildung. Umnutzung müsse immer auch Teil der Bewahrung sein.
Am Folgetag sprach sich Prof. Dr. Benedikt Kranemann für die Nutzung von Kirchen für eine breitere Öffentlichkeit aus. Der Liturgiewissenschaftler und Leiter des Theologischen Forschungskollegs der Universität Erfurt kritisierte enge Vorstellungen der Ausrichtung kirchlicher Räume auf Gottesdienst, Frömmigkeit und Gottesverehrung als ahistorisch und gegenwartsfern. Die drei Kernpunkte seines Vortrages zur Umnutzung katholischer Kirchenräume lauteten: Spiritualität: Entwicklung neuer Konzepte für die Praxis von Liturgie und Frömmigkeit. Kultur: keine Musealisierung, sondern ein Gespräch von Kunst, Mensch, Alltag, Glaube. Diakonie: soziales Engagement in Rückbesinnung auf den Kirchenraum. Elisabeth März stellte im Anschluss Ergebnisse der DFG-Forschungsgruppe zur Sakralraumtransformation vor. In Kirchen wirkten Raum und liturgische Praxis aufeinander ein, so die Doktorandin am Institut für Praktische Theologie an der Universität Leipzig. Sakralität entstehe so immer im Prozess, werde immer neu ausgehandelt, verschwinde dabei nicht, sondern transformiere sich. Da Sakrales weit mehr als Liturgie und Sakrament sei, gebe es auch viele Nutzungserweiterungen in geweihten oder gewidmeten Räumen, von denen sie etliche präsentierte.
Im Anschluss an die theologische Perspektive wurden die stadtplanerische Sichtweise und die des Denkmalschutzes eingenommen. Katja Fischer (Geschäftsführende Vorständin der Stiftung Baukultur Thüringen) fokussierte die Zukunft der Kirche auch in ländlichen Räumen. An Modellprojekten zeige sich immer wieder: Die Gebrauchsbeziehungen müssen wiederhergestellt werden. Menschen vor Ort müssten wieder bereit sein, für „ihre“ Kirchen Sorge zu tragen, wie es beim Konzept der „Herbergskirchen“ der Fall sei, so Katja Fischer. Daneben gebe es Eingriffe, die mehr als „minimalinvasiv“ seien, wie beim Projekt des Umbaus der Martinskirche Apolda zu einem soziokulturellen Zentrum. Großen Respekt vor dem Modell-Projekt „StadtLand:Kirche“ der EKM mit der IBA Thüringen bekundete Dipl.-Ing.Arch. Jörg Beste (Gründer des Büros „synergon – Stadtentwicklung, Sozialraum, Baukultur). Damit sein Thüringen in Deutschland in eine Vorreiterrolle gekommen ist. Den Blick auf NRW lenkend stellte er weiter fest: Eine Umfrage zur Umnutzung von Kirchen in NRW habe ergeben: Die Mehrheit wünsche eine gemeinwohlorientierte Nutzung und Umnutzung von Kirchen. Kirchengebäude seien keine Last, sondern eine Chance für Kirche und Zivilgesellschaft, so Beste. Die Idee, Ballast abzuwerfen, sei hier verfehlt. Denn: „Wer Ballast abwirft, verlängert nur den Sinkflug.“ Es komme vielmehr darauf an, neue Energien für den Weiterflug zu gewinnen.
In der zweiten Tageshälfte begaben sich die Teilnehmenden auf eine Exkursion nach Mühlhausen. In einzigartiger Weise, so wurde rasch klar, wird hier seit Jahrzehnten eine Umnutzung von Kirchen praktiziert, die das faszinierende Stadtbild der ehemaligen Reichsstadt erhält und zugleich viele praktische und ästhetische Lösungen ermöglicht hat. Ausgespart bei der Exkursion wurden die bekannten, in Kirchen befindlichen Museen. Besichtigt wurden die Kilianikirche (Theaterwerkstatt 3K) und die Jakobikirche (Stadtbibliothek). Dipl.-Ing. Matthias P. Gliemann (Architekt) und Stefan Zeuch (Fachbereichsleiter Hochbau und Gebäudeservice, Stadtverwaltung Mühlhausen) schilderten anschaulich die Prozesse der Sanierungen und Umbauten, die mit erheblichen finanziellen Mitteln ermöglicht wurden.
Am dritten Tag schloss sich organisch eine Werkstatt zur Umnutzung von Erfurter Kirchen am Beispiel und in der Schottenkirche Erfurt an. Diese im Ursprung romanische, katholische Kirche soll zu einer ökumenischen Jugendkirche umgebaut werden: mit Schülercafé, Veranstaltungs- und Sakralraum. Das Schottentheater soll hier ebenso räumliche Möglichkeiten finden wie die Gruppen zur Vorbereitung auf die Firmung bzw. die Konfirmation. Die Teilnehmenden diskutierten unter dem Eindruck der vorangegangenen Tage diese Projekt-Ideen mit zwei Verantwortlichen vor Ort äußerst lebhaft, interessiert und durchweg wohlwollend.
Das anschließende Tagungsresümee im Bildungshaus St. Ursula fiel ebenso positiv aus. Viele hatten viel Neues gehört und waren auf Ideen gekommen. Ein Wissenschaftler lobte die Tagung als gelungenes „Beteiligungsformat“, in dem Fachleute, ehrenamtlich Engagierte und Studierende sowie allgemein am Thema Interessierte tatsächlich in einen dynamischen Austausch getreten seien. Für die mitteldeutsche Kirchenlandschaft bleibt festzuhalten: Nach der Phase der Kirchenrettung und Kirchensanierung seit 1990 steht jetzt die Aufgabe, Kirchennutzung und Kirchenumnutzung unter den gegebenen Bedingungen neu und zukunftsfähig zu konzipieren und zu gestalten. Und zwar, wo immer möglich, unter der Beteiligung der Öffentlichkeit und der Kommunen und auch des Staates. Denn: Kirchen sind Gemeingüter.
Nicole Trunt interpretierte Songs der „Toten Hosen“ | Foto: Kranich/EAT
Am 5. Juli wurde die Reihe der Sommergottesdienste 2026 in der Rosenkirche des Augustinerklosters Erfurt eröffnet. Am 5. Juli? Ja, am zweiten Tag des AFD-Bundesparteitags in der Stadt.
So passte es, dass zum Auftakt der „Hits from Heaven“ die „Toten Hosen“ Thema waren. Die Sängerin Nicole Trump interpretierte vier Songs der Punk-Band aus Düsseldorf. Akademiedirektor Dr. Sebastian Kranich ging in seiner Predigt auf alle vier und das Verhältnis der Band zum christlichen Glauben ein.
Darüber hinaus sagte er u.a.: „Gerade angesichts des Geschehens gestern und heute auf der Messe darf nicht verschwiegen werden: Die Toten Hosen setzen sich konsequent gegen Rechtsextremismus ein. Auf der zweiten Auskoppelung ihres neuen Albums lieferten sie jetzt, so das Urteil der Musikzeitschrift ‚Rolling Stone‚, ihren ‚wütendsten Song seit Jahren, einen Frontalangriff auf den Alltags-Rechtsruck‚. Nur ein paar Zeilen daraus:
‚Es riecht nach Kaffee und nach frischen Waffeln. Das ganze Viertel ist zum Fest gekomm’n. Opa steht am Schießstand, er kann gut mit Waffen.
Mama hat schon ein’n im Tee. Die Kleinen sind glücklich, sie kreischen und toben auf der Hüpfburg von der AfD.
Der Sohn ist nicht rechts, doch nach zwei, drei Schnäpsen hebt er den rechten Arm. Die Tochter findet Bruder und Familie ätzend. Sie will nur weg seit Jahr’n‚“
Und auch das Wetter spielte mit. Denn bei bedecktem Himmel entfaltete der Vers „Unter den Wolken geben wir die Freiheit noch nicht her, weil sie uns heute, alles bedeutet“ eine besondere Wirkung nach dem großen Erfurter Demo- und Demokratiefesttag am 4. Juli.
Innen und außen bunt und kreativ: Kultur.Kirche.Recknitz. Foto: (c) Vogler/EAT
Trotz extremer Hitze wandernd unterwegs bei der Begegnungswerkstatt in Mecklenburg-Vorpommern. Foto: (c) Vogler/EAT
Zu Besuch bei Forma_te e.V. in Teterow. Foto: (c) Vogler/EAT
Kunstaktion zum Ausprobieren: Posterdruck beim Allerhand e.V. in Qualitz: Foto: (c) Zubarik/EAT
Eine Kooperationsveranstaltung der drei Evangelischen Akademien Thüringen, Sachsen und Nordkirche; (v.l.n.r.) Dr. Sabine Zubarik, Dr. Kerstin Schimmel, Dr. Tanja Flehinghaus-Roux. Foto: (c) Vogler/EAT
Weit, weiter, Mecklenburg
Ehrenamtliches Engagement kennt kein Hitzefrei. Obwohl der Rekordsommer auch vor Mecklenburg-Vorpommern nicht Halt machte, erlebten Interessierte vom 25. bis 28. Juni rund um Güstrow, wie gemeinnützige Arbeit ländliche Räume stärkt. „Weites Land – nix los?“, lautete die Leitfrage der Wander- und Begegnungswerkstatt, die sich unter Förderung der Bundeszentrale für politische Bildung in das Modellprojekt Landwandel eingliedert. Die Studienleiterinnen Dr. Tanja Flehinghaus-Roux (Evangelische Akademie der Nordkirche), Dr. Kerstin Schimmel (Evangelische Akademie Sachsen) und Dr. Sabine Zubarik (Evangelische Akademie Thüringen) führten die Teilnehmenden mitten hinein ins „weite Land“, das sich in all seiner Kreativität und Gastfreundschaft zeigte.
Künste statt Küste
Viel los war bereits in den restlos überfüllten Regionalzügen, die (ganz im Sinne der kulturellen Vielfalt) vor allem in Richtung des Fusion-Festivals strebten. Unser Ziel war hingegen das Haus der Kirche, das sogleich zum Ausgangspunkt für einen Rundgang durch die Barlachstadt wurde. Womöglich sind die Spuren des Künstlers Ernst Barlach nicht unbeteiligt daran, dass Güstrow heute als lebenswerteste Stadt Mecklenburg-Vorpommerns gilt. Und das, obwohl der Großteil der Teilnehmenden bei dem Bundesland zunächst an Gewässer dachte: Seenplatte, Kanufahrten, frischer Fisch und selbstverständlich die Ostsee. Auch wenn sich die eine oder der andere bei 38°C Außentemperatur nach einer Abkühlung sehnte, wurde bereits im Ausblick auf das geplante Programm klar, dass es sich lohnen sollte, an diesem Wochenende Küsten gegen Künste einzutauschen.
Wo kulturelles Leben blüht
Wenn man sich von Güstrow aus ungefähr 15km in den Nordosten bewegt, trifft man im etwas abgelegenen Recknitz auf eine außergewöhnliche Dorfkirche. Ein kleines Holzschild markiert den Kirchhof als „Gute-Laune-Ort“, Sonnensegel spannen sich über die Palettenbank mit der Aufschrift „Mitfahrzentrale“, den alten Wohnwagen voller Bastelutensilien und den zur Bar umfunktionierten Frachtcontainer. An diesem ersten Ausflugsziel, der Kultur.Feldstein.Kirche, berichtete Pfarrer Thomas Kretschmann von einem Projekt, das kulturelles und kirchliches Leben zu verbinden sucht. Einmal im Monat wird hier eine gemeinsame „Auszeit“ mit geistlichen Impulsen, Musik, Tanz, Theater und gemeinschaftlichem Zusammensein gefeiert. „Man braucht eine große Liebe zu dem Ort“, so Kretschmann. Eine Liebe, die insgesamt ca. 100 Ehrenamtliche dazu anregt, die Kirche St. Bartholomäus in Recknitz mit einer beeindruckenden Gestaltungskraft lebendig zu halten.
Die Wertschätzung historischer, vom Verfall bedrohter Dorf- und Stadtzentren ist es auch, die eine umfassende Sanierung und Umgestaltung des Teterower Bahnhofgebäudes bewirkte. Seit 2013 befindet sich hier die Galerie des Kunstvereins Teterow e.V., die jährlich in fünf bis sechs wechselnden Ausstellungen Malerei, Grafiken, Plastiken und Schmuck vorrangig regionaler Künstler:innen präsentiert. Viele helfende Hände aus dem Ort machen außerdem regelmäßige Veranstaltungen wie Töpfermärkte oder den beliebten „Kunstwinter“ möglich, denn um die Kunstsensibilisierung in der Region zu stärken, braucht es die aktive Beteiligung der Region selbst. Künstlerische Geheimtipps offenbaren sich in den „KulTouren“, die im Rahmen des Projekts „Odyssee“ gesammelt wurden. Unsere KulTour führte uns derweil ein Stück entlang des Skulpturen-Wanderwegs durch die Mecklenburgische Schweiz, eine angenehme Symbiose aus Kunstobjekten und schattigem Grün.
Zum Abschluss der ersten Exkursion begrüßte uns der Verein forma_te e.V. mit einer festlich eingedeckten Kaffeetafel und selbstgebackenem Kuchen. Auf einem ehemaligen OGS-Industriegelände bieten sich 6.000qm Gestaltungsraum, die von Jugendkonferenzen über interkulturelle Feste bis zum Seniorencafé mit einem bunten Programm bespielt werden. Zwei der über 40 Vereinsmitglieder erzählten uns aber auch von den politischen und finanziellen Herausforderungen, denen sich das kulturelle Ehrenamt in Mecklenburg-Vorpommern gegenübersieht. Dennoch oder gerade deshalb ländliche Räume mit kreativen Ideen, intergenerationalem und interkulturellem Austausch zu bereichern, „gemeinsam die Region zu format_ieren“ – das war die Botschaft, die wir von den Graffitikunstwerken an den Wänden ablasen und mit in den abendlichen Ausklang nahmen.
Aus den Gesprächen am Freitag ließ sich bereits ableiten, wie sehr die gemeinnützige Arbeit von äußeren Umständen beeinflusst wird. Stets ging es auch darum, wie eine handlungsorientierte Reaktion auf die Zuspitzung der politischen Situation aussieht, was die Sichtbarkeit und Partizipation innerhalb der ländlichen Räume erhöhen könnte und wo sich immer wieder neue Fördertöpfe finden lassen. Im Kleinen bedeutete diese Notwendigkeit von Flexibilität für uns, einen adäquaten Umgang mit der Rekordhitze zu finden. Durchaus wehmütig verabschiedeten wir uns am Samstag von dem ursprünglich angedachten Nachmittagsprogramm, das sich dem Gutshaus und der Kirche in Eickelberg gewidmet hätte, und freuten uns umso mehr auf den vormittäglichen Besuch im nordwestlich gelegenen Dorf Qualitz.
In Qualitz blühte es an allen Ecken und Enden. Gudrun und Ernst Schützler, die gemeinsam die Dorfkirche aus dem 14. Jahrhundert betreuen, luden uns in das Refugium ein, das sie stets für Interessierte geöffnet halten. Hinter dem Pfarrhaus offenbart sich der denkmalgeschützte Pfarrgarten als ein Paradies für Insekten, Vögel und Pflanzen jeder Art. Während wir durch duftende Blumenwiesen streiften, verriet uns Gertrud Schützler: „Hier wächst alles wie von selbst, auch das Unkraut. Aber es wächst eben“. Unter den ausladenden Ästen eines riesenhaft anmutenden Kirschbaums erwarteten uns außerdem Sabine Adolphi und Cindy Dulisch, die Initiatorinnen des Vereins Allerhand e.V. – ein Projekt, das an die kreative Schöpfungskraft in jedem Menschen glaubt. So fanden sich die Teilnehmenden bald selbst in der Kreativwerkstatt wieder, um mit Moosgummi eigene Postkarten und Poster zu bedrucken. Mit einem Augenzwinkern berichteten uns die Projektleiterinnen von der Idee, in Wahlkampfperioden die Laternenpfähle mit Siebdruck-Bannern zu plakatieren. Über die Straßenkunstausstellung hinaus hat der Verein buchstäblich allerhand zu bieten, etwa eine Bühne für das Wandertheater oder wöchentliche Chortreffen, denn, so Sabine Adolphi, „wenn man zusammen singt, stimmt man sich aufeinander ein“. Daraufhin bedankte sich die Runde der Teilnehmenden mit einem spontanen Kanon für die Gastfreundschaft, bevor wir gut gestärkt in die rettende Kühle unserer Unterkunft zurückkehrten.
Was ist los im weiten Land?
„Mutmacher-Wochenende“, betitelte eine Teilnehmerin die Begegnungswerkstatt. Sowohl die Sammlung an „Fundstücken des Tages“ als auch die Abschlussreflexion am Morgen der Abreise zeugten von jeder Menge Inspiration und Hoffnung, die aus dem Austausch untereinander und mit den Personen vor Ort geschöpft werden konnten. Mit seiner Fülle an Begegnungen und Bewegungen durch den ländlichen Raum konnte das Format für die Herausforderungen ehrenamtlicher Kulturarbeit (etwa Fragen der Zukunftsfähigkeit oder der Notwendigkeit struktureller Verankerung) sensibilisieren und den erlebten Einfallsreichtum von den besuchten Orten aus in alle Himmelsrichtungen weitertragen. Fest steht eines: Im weiten Land war und ist doch deutlich mehr los, als man von Weitem sieht!
Veranstaltungsrückblick von Juliane Vogler (Praktikantin beim Projekt Landwandel)
Am 4. Juli waren wir mit einem Stand und einer Bubble-Crasher-Aktion beim Fest der Demokratie im Erfurter Hirschgarten dabei. Während in der Messe Erfurt der Bundesparteitag der AfD stattfand, kamen im Hirschgarten Menschen zusammen, um ein sichtbares Zeichen für Demokratie, Vielfalt und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu setzen. Die Stimmung war den ganzen Tag über friedlich, offen und geprägt von vielen wertschätzenden Begegnungen.
Im Mittelpunkt unserer Aktion stand eine interaktive Installation. Aus einzelnen runden Pappkreisen bzw. -Bubbles entstand nach und nach ein dreidimensionales Objekt. Die Besuchenden waren eingeladen, selbst eine Bubble zu gestalten, mit Gedanken, Wünschen oder Botschaften für ein demokratisches Miteinander, die sie anschließend selbst in die Installation einfügen konnten.
Besonders war, dass die Installation erst durch die Beteiligung vieler Menschen richtig stabil wurde. Je mehr Pappscheiben, desto tragfähiger wurde die Konstruktion. Ein schönes Bild dafür, wie Demokratie funktioniert. Sie lebt davon, dass Menschen mitmachen, unterschiedliche Perspektiven einbringen und gemeinsam Verantwortung übernehmen.
So wuchs im Laufe des Tages ein vielfältiges Kunstwerk voller bunter Zeichnungen und Botschaften wie „Für ein friedvolles Miteinander“, „Erfurt bleibt weltoffen“, „Crash Fascism, not the Planet“, „In unserem Geschichtsbuch ist kein Platz für Wiederholungen“ oder „Für Menschenrechte“.
Für uns war die Aktion ein gelebtes Beispiel dafür, worum es bei Bubble Crasher geht. Menschen zusammen und in den Austausch über das demokratische Miteinander unserer Gesellschaft zu bringen. Zusammenhalt entsteht nicht von allein, sondern dort, wo Menschen einander begegnen, zuhören und gemeinsam etwas entstehen lassen.
Vortrag von Prof. Dr. J. Thomas Hörnig | Foto: EAT
Vortrag von Dr. Uwe Kaminsky | Foto: EAT
Abschlusspodium | Foto: EAT
Helga Schubert nahm sich die Zeit. Das Thema interessiere sie sehr, so ließ die Bachmann-Preisträgerin ausrichten und anfragen, ob sie über ihre Lesung hinaus an der Tagung „Wert und Unwert des Lebens? Kirche und Eugenik“ teilnehmen könne. Was für eine Frage!
Und so reihte sie sich ein in die Phalanx der Expertinnen und Experten, die mit den Teilnehmenden vom 12. bis 14. Juni im Zinzendorfhaus Neudietendorf in einen intensiven Austausch traten.
Sie wisse nicht, ob sie so etwas lesen, sich so etwas antun wolle, hatte eine Lehrerin gemeint, als Helga Schubert von der Recherchearbeit an ihrem 2003 erschienenen Buch „Die Welt da drinnen – Eine deutsche Nervenklinik und der Wahn vom lebensunwerten Leben“ berichtete. Sind wir da heute weiter?
NS-Krankenmorde und NS-Zwangssterilisierungen sind mittlerweile gut erforscht. Das wurde bei der Tagung deutlich. Es gibt Dokumentationen, Datenbanken, Ausstellungen, pädagogische Projekte, Aufarbeitungsinitiativen, Gedenktafeln, Stolpersteine, Gedenkstätten. Doch zugleich bringen gezielte Recherchen und Blicke in die Akten immer wieder neue Fälle und Schicksale ans Licht, auch im Bereich diakonischer Anstalten. Und vor allem: Wie sieht es in den Köpfen unserer Zeitgenossen aus?
Laut Thüringen-Monitor stimmt ein erheblicher Anteil der Befragten der Aussage zu: „Es gibt wertvolles und unwertes Leben“. In Mecklenburg ist es offenbar nicht viel anders: „Aber da ist doch kein Leben mehr. Geben Sie ihren Mann doch ein paar Tropfen Morphium“ – so sagten manche Leute, als Helga Schubert ihren schwerstkranken und dementen Mann im Rollstuhl durch das Dorf schob, ihrem geliebten Mann, der „in allem fast Weggeworfenen das Heile“ sah.
Deutlich wurde bei der Tagung auch, wie die AFD an das Gedankengut der negativen wie positiven Eugenik anknüpft und behindertenfeindliche Positionen vertritt: An die „Eugenik“, die nie eine Wissenschaft gewesen ist, auf einem naturalistischen Fehlschluss beruht, die aber momentan in der Ideologie des „Transhumanismus“ im „Silicon Valley“ in phantastisch-szientistisch-utopischer Form wiederkehrt.
All dies, so wurde deutlich, macht die Thematik brisant und hochaktuell. Daher dürfen wir gespannt sein auf die kommende Impulsausstellung „Lebenswert? Kirche und Eugenik“ im Lutherhaus Eisenach, in deren Vorfeld die Akademietagung stattfand. Sie wird ab dem 1. Februar 2027 zu sehen sein.
Die Folien zu den Vorträgen auf der Tagung finden Sie hier zum Download.