Das Leitwort des 3. Ökumenischen Kirchentags 2021 lautet "schaut hin". Plakat des OEKT.
Erst zum dritten Mal überhaupt wird der Kirchentag im kommenden Jahr in ökumenischer Gemeinschaft gefeiert – und gemeinsam vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken und dem Deutschen Evangelischen Kirchentag vorbereitet. Er wird vom 12.-16. Mai 2021 in Frankfurt am Main stattfinden. Unter dem Leitwort „schaut hin“ (Mk 6,38) werden sich über 100.000 Menschen zu Austausch, politischen Diskussionen, kulturellen Höhepunkten und spirituellen Momenten versammeln.
Bei der Vorbereitung des Kirchentagsprogramms wird sich auch die Evangelische Akademie Thüringen engagieren. Dr. Annika Schreiter, Studienleiterin für politische Jugendbildung, wurde in die Projektkommission „Interaktives Forum Zivilcourage“ berufen. Holger Lemme, Studienleiter für Arbeit und Wirtschaft, wird in der Projektkommission mitarbeiten, die den Thementag „Ökonomisierung der Lebensbereiche“ vorbereitet. Die Planungen werden im kommenden Monat – selbstverständlich per Videokonferenz – beginnen.
Der Kirchentag und auch der Katholikentag sind seit je her Laienveranstaltungen, deren inhaltliche Gestaltung von berufenen Ehrenamtlichen aus Kultur, Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und den Kirchen getragen werden. Das Engagement der Studienleiterinnen und Studienleiter der Evangelischen Akademien in Deutschland in den Projektleitungen hat eine lange Tradition.
Nach der Schule mit Freunden abhängen - für Jugendliche ist das derzeit nicht möglich. Alternativ trifft man sich z.B. auf digitalem Wege. Foto: Gaelle Marcel/unsplash
Wer in den vergangenen Tagen und Wochen die eigenen vier Wände für einen Spaziergang oder etwas Zeit draußen verließ, dürfte vielen verwaisten Orten des sonst täglichen Lebens begegnet sein. Leere Parks, Spiel- und Sportplätze oder Skaterrampen, die mit Absperrband gegen Benutzung gesichert sind. Geschlossene Kitas, Schulen und Jugendtreffs, geschlossene Bars und Cafés, kein Fußballtraining und abgesagte Fahrten und Events – für junge Menschen brechen durch die notwendigen Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Covid-19 in diesen Tagen viele Orte weg, die soziale Nähe bedeuten. Orte, die sonst auch Raum für Rückzug, Austausch und Erleben bieten. Zu diesen Einschränkungen kommen die Sorgen um verschobene Schul- und Ausbildungsabschlüsse und damit die Frage nach der unmittelbaren Zukunft.
Wie gehen Jugendliche und junge Erwachsene damit um? Was tritt in Zeiten der Ausgangsbeschränkungen und des Abstands an die Stelle des nachmittäglichen Treffens mit Freunden, eines Kinobesuchs oder der Gespräche auf dem Schulhof? Wohin mit der Energie, wenn man sich nicht zum Sport verabreden kann? Und wo liegen neue Rückzugsorte für Jugendliche, wenn sie 24/7 bei Eltern und Familie sind? Es werden andere Wege gegangen, auch von Zuhause aus mit der Welt zu interagieren. Dabei kann jede und jeder für sich eigene Strategien finden, wie beispielsweise UNICEF es beschreibt. Ablenkung, die Vernetzung mit Freunden oder vielleicht ein neues Hobby – das alles kann helfen, Ängste von Isolation, Einsamkeit und das Gefühl, den Anschluss zu verlieren, zu überwinden.
Auch in der Jugendbildung stehen wir vor der Herausforderung, dass wir Jugendlichen solche Räume des Austauschs, Erkundens und Lernens aktuell nicht mehr wie gewohnt bieten können, denn Veranstaltungen und Freizeiten fallen aus, Tagungshäuser und Jugendbildungsstätten haben geschlossen. Dies bedeutet vor allem, digitale oder andere Möglichkeiten zu erproben, die sich trotz Kontaktbeschränkungen sinnvoll einsetzen lassen. Annika Schreiter berichtete dazu bereits von ihren Erfahrungen, wie beispielsweise Konfirmandenarbeit digital aussehen kann. Dabei entstehen neue Fragen: Welche digitalen Tools können zum Einsatz kommen? Lässt sich ein ursprünglich dreitägiger Workshop gut in ein Online-Format übersetzen? Und wie können eigentlich analoge Elemente wie Aufwärmübungen ins Digitale überführt werden?
In der letzten Zeit haben sich zu diesen Fragen sehr hilfreiche Online-Runden zum kollegialen Austausch, zur Beratung und Weiterbildung zusammengefunden. Das bundesweite Netzwerk der Evangelischen Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung (et) lädt z.B. regelmäßig zur „digitalen Kaffeerunde“ ein, um Fragen zu klären und über Inhalte zu diskutieren. Im Format „Auf einen Kaffee mit…“ kommen Kolleginnen und Kollegen aus der Jugendbildung mit Expertinnen und Experten zu Themen wie digitaler politischer Bildung, Online-Kursen und Zivilcourage im Netz ins Gespräch. Das Kinder- und Jugendpfarramt der EKM wiederum lädt zur gemeinsamen Beratung zu Online-Stammtischen ein.
Jugendarbeit bedeutet im Moment aber auch, an jenen Planungen für Veranstaltungen weiterzuarbeiten, von denen aktuell noch niemand weiß, ob bzw. wann sie stattfinden werden. Bei aller Ungewissheit, die diese Zeit mit sich bringt, stellt sich gleichsam die spannende Frage, wie sie Themen, Inhalte und Formate der Jugendbildung längerfristig verändern wird. Welche Planungen werden wir auch zukünftig digital statt analog vornehmen? Wie beeinflussen die Pandemie und damit verbundene Einschränkungen Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe, gerade auch für Jugendliche? Es lohnt sich und ist nötig, die Gedanken einmal mehr auf Orte und Räume zu richten, die für Jugendliche wichtig sind, an denen sie sich entfalten und verwirklichen können. Nur dann kann es auch gelingen, ihnen in Zeiten wie diesen gute Alternativen dazu zu ermöglichen.
Allversöhnend und still mit den armen Sterblichen ging er,
Dieser einzige Mann, göttlich im Geiste, dahin.
Keines der Lebenden war aus seiner Seele geschlossen
Und die Leiden der Welt trug er an liebender Brust.
Mit dem Tode befreundet‘ er sich, im Namen der andern
Ging er aus Schmerzen und Müh‘ siegend zum Vater zurück.
(Friedrich Hölderlin)
Das Team der Evangelischen Akademie Thüringen wünscht allen ein gesegnetes, frühlingsfreudiges Osterfest!
Zu diesem Bibelwort aus dem 2. Brief des Paulus an Timotheus hielt Pfarrer Holger Kaffka die Andacht. Der Text wurde im Twitch-Kanal visualisiert. Foto: Screenshot twitch.tv/no_armour
Der Stream zur Konfi-Stunde - Oliver Thunig nutzte dafür den Twitch-Kanal "No Armour" der Evangelischen Jugend Erfurt. Foto: Screenshot twitch.tv/no_armour
Beten per Voice-Chat war für die meisten eine neue Erfahrug. Beim ersten Mal sprach das Team das Gebet noch allein. Beim zweiten Treffen hörte man Viele mitsprechen. Der Text stand zum Mitlesen im Chat. Foto: Screenshot discordapp.com
Seit zwei Jahren begleitet Annika Schreiter ehrenamtlich den Konfirmandenjahrgang 2019/20 der Predigergemeinde in Erfurt. Diesem ergeht es gerade wie so vielen anderen. Die Rüstzeit Ende März musste ausfallen. Wie und ob die Konfirmationen im Mai stattfinden können, ist ungewiss. Das Konfi-Team warf alle digitalen Erfahrungen zusammen und organisierte zwei Online-Konfirmandentreffen. Annika Schreiter berichtet von ihren Erfahrungen:
Ich sitze vor meinem Laptop zuhause, das Headset auf, und sehe, wie die Teilnehmendenzahl im Discord-Channel steigt. Erst sind es nur wir sechs vom Team: Pfarrer Holger Kaffka, Oliver Thunig von der Evangelischen Jugend Erfurt und wir vier Ehrenamtlichen. Dann sind wir schon 10, 15, 23 … Von 52 Konfirmandinnen und Konfirmanden finden sich schließlich über 30 online ein. Wir beginnen wie immer mit einer Andacht. Zum Glück experimentiert die Evangelische Jugend in Erfurt gerade mit einem Twitch-Kanal – einer Streaming-Plattform, die hauptsächlich in der Gaming-Szene genutzt wird. Unter dem Namen No Armour möchte Oliver Thunig Glaubensfragen in die Gaming-Szene tragen. Heute aber werden hier die Bibeltexte, die Musik und die gemeinsamen Gebete gestreamt. Die Idee, Discord als Kanal für die Konfi-Stunde zu nutzen, stammt ebenfalls von Oliver. Das ist eine Messenger-Plattform, auf der sich meist Gamer tummeln. Hier können sie sich per Voice-Chat oder schriftlich mit Bekannten auf gemeinsamen Servern austauschen. Man kann zudem kleine Untergruppen bilden oder sich Privatnachrichten schreiben. Für unseren Zweck ideal!
Die Jugendlichen haben sehr unterschiedliche Erfahrungen damit. Eine Konfirmandin versteht erst beim zweiten Treffen, dass ihr Computer kein Mikrofon hat und sie deshalb zwar alles hören, aber nicht mitreden kann. Schlussendlich teilt sie sich nur schriftlich mit. Und auch wir als Team müssen uns erst „reinfuchsen“. Andere, vor allem die Computerspielerinnen und -spieler der Gruppe, kennen sich sehr gut aus. Als meine Technik aussteigt und ich erst nichts mehr sagen kann und schließlich auch nichts mehr höre, leistet ein Konfirmand Erste Hilfe. Er erklärt mir geduldig alle Einstellungen, bis alles wieder funktioniert.
Methodisch fordert diese Art der Konfi-Arbeit uns einiges ab. Und doch geht es mit ein wenig Kreativität und Mut zum Fehlermachen erstaunlich gut. Die übliche Einstiegsrunde zur Frage „Wie geht´s mir gerade?“ hat auf einmal erstaunlich viel Tiefgang. Über eigene Ängste sprechen ist anscheinend leichter, wenn man sich nicht sieht, sondern nur die freundlichen Rückfragen hört und ermutigende Emojis sieht. „Ich steckte letzte Woche echt in einem schwarzen Loch. Ich vermisse meine Freunde so!“, „Meine Mutter arbeitet im Krankenhaus. Ich weiß, dass ich Corona kriegen werde. Ich weiß nur nicht wann“… Ich merke meinen Konfis an, dass es ihnen gut tut, es sich von der Seele zu reden. Obwohl ich sie nicht sehen kann, habe ich sie doch ganz genau vor meinem inneren Auge und höre, wie es ihnen geht.
Beim Pausenspiel haben wir uns sonst immer bewegt. Jetzt spielen wir skribbl.io – eine Art digitales Galgenmännchen. Beim ersten Treffen zum Thema Gottesbilder gibt es ein Schreibgespräch per Chat. „Gott ist für mich…“ Im Chat gehen die Vervollständigungen des Satzes ein: „Liebe, ein echter Ehrenmann, Hoffnung, Gemeinschaft, ein guter Kollege…“Beim zweiten Treffen zum Thema Abendmahl binden wie ein eigens erstelltes Erklärvideo ein. Zum Rückblick auf die gesamte Konfi-Zeit gibt es zum Abschluss ein digitales Quiz per Kahoot. Die Fragen werden per Twitch gestreamt, alle können an ihren Geräten zuhause mitraten und wir sehen direkt das Ergebnis.
Zum Schluss sind alle froh über die beiden Online-Treffen. Und trotzdem: Die gemeinsame Rüste fehlt uns! Die Abschluss-Reflexion über zwei Jahre gemeinsames Lernen, Wachsen und Zusammensein per Voice-Chat machen zu müssen, fühlt sich seltsam an. Es bleibt die Vorfreude auf den Konfirmationsgottesdienst, der – so Gott will – noch in diesem Jahr stattfinden soll.
In einem Radiointerview für die Palmsonntags-Sendung auf Antenne Thüringen wurde ich am 20. März gefragt: „Bald ist ja Ostern. Warum sollen wir uns da mit Tod und Sterben auseinandersetzen?“ Die Frage war journalistisch-provozierend gestellt. Ich antwortete spontan: Was heißt hier „sollen“? Wir sehen die Bilder aus den Krankenhäusern in Italien, sehen die Armeelaster, die die Toten abtransportieren. Die Sterbenden und die Särge kommen in unsere Wohnzimmer. Wir setzen uns schon damit auseinander, Tag für Tag.
Würde ich jetzt – Anfang April – dazu gefragt, wäre meine Antwort womöglich eine andere. Denn das Sterben rückt näher. Gerade trifft uns der Satz: „Die Coronavirus-Sterberate in Deutschland wird steigen.“ Viele haben ein mulmiges Gefühl. Zum Scherzen ist kaum jemandem zumute.
Denn im Kopf wissen wir es schon: Wir werden alle sterben – irgendwann. Manche lassen diesen Gedanken näher an sich heran. Andere sind besser im Verdrängen. Aber an der Tatsache ist nichts zu ändern. Nur bricht jetzt akut auf, was die Realität unserer Existenz ist. Paul Tillich schreibt: „Existenz schließt Endlichkeit ein, und Angst ist das Gewahrwerden der eigenen Endlichkeit.“ Weniger philosophisch lässt sich das mit Luther auch singen: „Mitten wir im Leben sind, mit dem Tod umfangen.“
Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich. Möglich sind: Ein leichtsinniges „mich wird es schon nicht treffen.“ Die Selbsteinschätzung des Risikos anhand der Paramater alt/jung, gesund/vorerkrankt, weiblich/männlich. Die Suche nach dem maximalen Schutz usw. Zugleich erlebe ich aber auch, wie die Freundlichkeit untereinander steigt. Ich werde von fremden Menschen beim Spaziergehen angelächelt – oder lächeln sie zurück? (Ich hatte meinen Blickkontakt und mein Lächeln gar nicht bemerkt.) Und auch die dienstlichen Kontakte wandeln sich. Die Frage nach der Gesundheit und dem Ergehen von Familie und Angehörigen werden in E-Mails und Telefonaten ehrlich gestellt. Das ist schön, zeugt es doch von einem menschlichen Interesse, dem wir sonst so viel Raum nicht geben.
Und dann wären da noch die Kinder, die Bilder für Menschen in Altenheimen malen, die Jungen, die für die Alten einkaufen, die vielen, die anrufen und sich anrufen lassen … Das alles und noch vieles mehr sind Zeichen und Gesten der Hoffnung, die das mulmige Gefühl etwas klären und aufhellen. All das können wir tun, auch wenn wir nicht zu den „neuen Helden“ in Laboren, Krankenhäusern, Altenheimen oder Supermärkten gehören. Denn auch Freundlichkeit und Hoffnung sind systemrelevant.
Wie aber mit unseren Ängsten umgehen? Sogar mit Todesangst? Martin Luther dichtet:
„Mitten in dem Tod anficht / uns der Hölle Rachen / Wer will uns aus solcher Not / frei und ledig machen? / Das tust du, Herr, alleine. / Es jammert dein Barmherzigkeit / unsre Klag und großes Leid.“
Wer es gemäß der Tätigkeiten kann, soll von zu Hause arbeiten. "Stay Home" ist aber nicht für alle möglich. Bild: logan weaver/unsplash
Die aktuellen Einschränkungen des öffentlichen Lebens haben die Arbeitswelt auf den Kopf gestellt. Die Mehrheit derer, die nicht in Kurzarbeit sind oder einen „systemrelevanten Beruf“ haben, arbeitet derzeit im Home Office. So gesehen steckt in der Krise eine Chance: Zwangsweise arrangieren sich jetzt viele mit Heimarbeit, die dies bisher vermieden haben. Laut Bitkom arbeiten derzeit die Hälfte der Beschäftigten ganz oder teilweise im Home Office! So ist es sehr wahrscheinlich, dass die Arbeitswelt nach der Krise anders aussehen wird als zuvor.
Das mobile Arbeiten hat seine Vorzüge und Nachteile (Studienleiter Holger Lemme im Interview für Landeswelle Thüringen). Im Augenblick jedoch gibt es ohnehin keine Alterative. Und so wird zumindest die Lernkurve steil ansteigen: Je mehr wir uns mit der Software für Video- oder Telefonkonferenzen beschäftigen, je besser wir die Tools für die Online-Zusammenarbeit nutzen lernen, desto effektiver werden wir sie auch später einsetzen. Dadurch können wir Beruf und Familie besser unter einen Hut bringen oder die Fahrzeit (sowie den CO2-Ausstoß) des Wegs zur Arbeit sparen. Und wir lernen neu wertschätzen, was die Zusammengehörigkeit wirklich stärkt: der persönliche Kontakt, das Wort auf dem Gang, die gemeinsame Kaffeepause. Daher sollte mobiles Arbeiten immer nur als Ergänzung, nie als Ersatz für Arbeit in Büro oder Betrieb verstanden werden, um Isolation und Einsamkeitserfahrungen vorzubeugen – Ausnahmesituationen wie derzeit natürlich ausgenommen.
Doch die Corona-Krise liefert auch noch andere Einsichten. Bundesarbeitsminister Heil hat erkannt, dass die Leistungsträger der Gesellschaft nicht immer die in Anzug und Krawatte sind. Endlich scheint sich die gesellschaftliche Stimmung zu wandeln. Mehr Anerkennung und Wertschätzung für diejenigen, die gerade nicht im Home Office sitzen, sondern täglich konkrete und lebensnotwendige Dienstleistungen am Menschen erbringen, sind angesagt. Verkäuferinnen, Pflegekräfte, Helfer in der Landwirtschaft, aber auch die Mitarbeitenden in Kinderbetreuung, Logistik und Notdiensten setzen sich derzeit über die Maßen für ihre Mitmenschen ein. Da bleibt zu hoffen, dass sich dies umgehend in besserer Bezahlung, besseren Arbeitsbedingungen und verbreitet abgeschlossenen Tarifverträgen äußert. Ein Zurück zum Status Quo Ante darf es nicht geben. Denn dann hätten wir die Chance der Krise verspielt.