Durststrecken aushalten können - für diese Fähigkeit steht das Kamel in der Wüste oft als Vorbild Pate. Foto: hbieser/pixabay
Leidensfähigkeit hat keinen guten Ruf. Nietzsche schilt das Christentum eine Sklavenmoral. Er meint: Der christliche Gott lehre die Schwachen ihr Schicksal zu erdulden, anstatt zu herrschen. In „Also sprach Zarathustra“ geht der Geist – in seiner ersten Entwicklungsstufe – in die Wüste und erlernt als Kamel Demut und Leidensfähigkeit: Das ist kein freundlicher Gedanke, bezieht man ihn auf den Entwicklungsstand eines Christen.
Irgendwie scheint Leidensfähigkeit etwas zurückgeblieben. Sie lässt sich einlullen ins „alte Entsagungslied, das Eiapopeia vom Himmel“ (Heine). Sie kommt als inaktiv und naiv daher und wird allenfalls noch geschätzt als „Frustrationstoleranz.“
Oder sollte ich besser schreiben: Hatte keinen guten Ruf? Denn die Zeiten ändern sich. Aushalten wird gerade zur Tugend: Aushalten, dass meine Pläne zunichte werden. Aushalten, dass wir nicht mehr zueinander können und einem und den Kindern irgendwann die Decke auf den Kopf fällt. Aushalten auch die Angst und die Ungewissheit, ob es mich oder meine Nächsten trifft – und wenn ja, wie hart? Sogar die Wirtschaft und der Sport lernen auszuhalten.
Müssen wir in dieser Situation ein neues „Entsagungslied“ anstimmen? Ja, wahrscheinlich. Aber nicht nach der Weise von Heinrich Heine, sondern mit einer Sentenz von Theodor Gottlieb von Hippel dem Älteren (1741 – 1796). Der Stadtpräsident von Königsberg war mit Immanuel Kant befreundet und hinterließ uns diese aufgeklärte Lebensweisheit: „Es gehört mehr Kraft zum Leiden als zum Tun, mehr Stärke zum Entbehren als zum Genießen.“
Mittwoch, 9:58 Uhr morgens: Die Flure und Büros der Evangelischen Akademie in Neudietendorf sind so gut wie alle verwaist. Im Besprechungsraum sitzt statt der üblichen 12 Teammitglieder nur eine Person mit Tablet. Dennoch wird es gleich losgehen, denn das Team-Meeting ist per Skype angesetzt. In Zeiten von physischer Distanz finden sich digitale Wege, um Arbeitsabläufe, Projektideen und den aktuellen Stand der Dinge zu besprechen. Ganz nebenbei dient die Telefonkonferenz auch dazu, mal wieder die Stimmen und das Lachen der anderen zu hören und neben den sachlichen Informationen mitzubekommen, wie es den Kolleginnen und Kollegen so geht im Home Office.
Diejenigen mit Kindern müssen mit der Doppelbelastung auf gedrängtem Raum flexibel umgehen, da rutschen Arbeitszeiten auch mal in die Abendstunden oder brauchen längere Unterbrechungen. Die Alleinlebenden merken dagegen den Mangel an zwischenmenschlichem Austausch, der sonst zwischen den Bürotüren, beim Mittagessen oder in Meetings zuhauf stattfindet. Über ein bisschen mehr Zeit für das Wegarbeiten von Langzeitstapeln auf dem Schreibtisch oder über die Möglichkeit, an Publikationen und inhaltlicher Vertiefung arbeiten zu können, freuen sich alle – genauso wie wir alle die Sorge um Veranstaltungstermine teilen, die im Früh- und Mittsommer und damit im Ungewissen liegen, denn Dinge wie Stornobedingungen, Werbe- und Anmeldezeiten, Reisewege usw. müssen lange vorab bedacht werden.
Für einige Inhalte wird es während der Corona-Zeit sicher adäquate digitale Formate geben. Die Möglichkeiten von Videokonferenzen, Vortragsaufzeichnungen, Chatrooms und Social Media-Plattformen auszuloten, das wird in den nächsten Wochen einen Großteil unserer Arbeit ausmachen. Dabei ist auch eine gute Balance zu finden zwischen übertriebenem Online-Aktivismus und sinnvoller Beschränkung.
Konkret überlegen Jan Grooten und Annika Schreiter, wie sie die bereits für Veranstaltungen vorbereiteten Themen in der politischen Jugendbildung via Webinar an ihr durchaus digital-affines Publikum bringen können. Sebastian Kranich stellt sich auf die Video-Aufzeichnung eines für Mai geplanten Vortrags ein und schreibt an theologischen Impulsen für die Leserinnen und Leser im Netz. Holger Lemme, dessen Arbeitszeitkonferenz an diesem Wochenende nicht stattfinden wird und der mitten in der Planung zur jährlichen internationalen Sommerakademie steckt, denkt mit seinem Team über mögliche (eventuell auch digitale) Szenarien nach. Und Sabine Zubarik, deren Literarische Salons im März/April komplett ins Wasser fallen, arbeitet an einem Online-Salon zum Austausch über Bücher und Lektüren.
Derweil sind auch die Mitarbeitenden in der Sachbearbeitung, der Buchhaltung und der Tagungsassistenz im Home Office gut damit beschäftigt, gelaufene Veranstaltungen abzurechnen, für ausgefallene neue Termine zu finden und für zukünftige Vorbereitungen zu treffen.
Aber gewiss ist auch, dass bei aller Nützlichkeit der digitalen Tools die Freude doch übergroß sein wird, Menschen wieder in körperlicher Präsenz treffen zu dürfen. Setzen wir uns dafür ein, dass dies bald geschehen kann und dass wir gut behütet, geistig und geistlich gestärkt und guten Muts durch diese gebremste Zeit kommen!
Spiel ist Schutzraum. Spielen ist menschlich. Es macht Spaß, lädt zum Ausprobieren ein, nimmt uns ganzheitlich in Beschlag. Spiel braucht Regeln. Spielen ermöglicht Perspektivwechsel und ist interaktiv. …
Den Begriff des Spiels zu definieren, ist gar nicht so einfach. Denn Spielen kann so Vieles sein und umfasst „Mensch ärgere dich nicht“ ebenso wie Kindergartenkinder, die „Vater, Mutter, Kind“ spielen, oder ein komplexes Online-Multiplayergame. Gerade durch diese Vielfalt kann Spielen aber ein Zugang für unterschiedlichste Menschen sein, sich Themen zu erschließen, in Austausch mit anderen zu kommen oder Verhaltensweisen im wahrsten Sinne des Wortes durchzuspielen. Game-based Learning – spielend Lernen – lautet eines der Schlagwörter, unter dem Spielen für Bildungsprozesse nutzbar gemacht wird.
Vergangene Woche trafen sich 16 spielbegeisterte politische Bildnerinnen und Pädagogen aus ganz Deutschland in Wittenberg, um ihre unterschiedlichen Erfahrungen mit Spielen in der politischen Bildung zusammenzutragen und weiterzuentwickeln. Es ging um digitale Spiele wie Minecraft oder Fortnite, um Escape Games, Liverollenspiele, Bewegungsspiele, Planspiele und noch Vieles mehr. Das Selbstausprobieren kam dabei nicht zu kurz. In intensiven Austausch- und Schreibphasen wurde gemeinsam ein Leitfaden als Handreichung für die Praxis entwickelt. Dieser umfasst Hintergründe und Argumentationshilfen zum Spielen in der politischen Bildung, ganz konkrete Methodenbeschreibungen und Hilfestellungen für Reflexionsphasen während oder nach dem Einsatz von Spielen. Dieser Leitfaden wird nun redaktionell überarbeitet und mit einem angemessen spielerischen Layout versehen. Ende des Jahres steht er dann unter gemeinfreier Lizenz allen zur Verfügung, die politische Bildung spielerisch gestalten wollen.
„Der Evangelische Verband Kirche-Wirtschaft-Arbeitswelt (KWA) ist eine Stimme der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die sich im gesellschaftspolitischen Diskurs für gute Arbeit und soziale Gerechtigkeit einsetzt. Der Verband orientiert sich mit seinem bundesweiten Netzwerk an einer nachhaltigen und sozialen Wirtschaftsordnung, die dem Wohl des Menschen dient.“ Mit dieser Positionierung eröffnete die Bundesvorsitzende Gudrun Nolte ihren Jahresbericht 2019. Rund 40 Delegierte waren am 6. März zur zweiten Mitgliederversammlung des Evangelischen Verbands nach Hannover gekommen, um über dessen zukünftige Ausrichtung zu diskutieren.
So entwickelten die Vertreterinnen und Vertreter der Evangelischen Arbeitnehmerschaft, des Handwerks und der arbeitsweltbezogenen landeskirchlichen Dienste, die im Verband zusammengeschlossen sind, in einer ersten Arbeitsphase Ideen für den KWA 2025. Im zweiten Schritt wurden sie konsolidiert und verschriftlicht. Der Vorstand wurde beauftragt, auf ihrer Basis eine Drei-Jahres-Strategie zu entwickeln und auf der nächsten Mitgliederversammlung zur Diskussion zu stellen.
Neben den vereinsrechtlich notwendigen Beschlüssen wie Jahresabschluss, Haushalt und Entlastung des Vorstands wurde auch die inhaltliche Arbeit weiter geschärft. Arbeitsgruppen wurden beauftragt, sich mit den technologisch-digitalen und sozialen Aspekten der Transformation der Arbeitswelt sowie der europäischen Integration zu befassen. So wird etwa der Bundesausschuss „Erwerbslosigkeit, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik“ im laufenden Jahr der Frage nachgehen, wie sich Arbeitsvermittlung und Grundsicherung in Zeiten verbreiteten Fachkräftebedarfs aufstellen sollten und wie die Jobcenter der Zukunft aussehen werden.
Von Halberstadt nach Halle im Abellio-Zug: Propst Christoph Hackbeil (Mitte) und Vertreterinnen von EKM und Diakonie im Gespräch mit Carmen Parrino (l.) und Matthias Neumann (2.v.l.) von Abellio. Foto: (c) Kathrin Kaufhold/Abellio
Abellio verbindet – ebenso wie die Kirche. Auf diesen Punkt bringt es Maik Martmer, Betriebsratsvorsitzender der Abellio Rail Mitteldeutschland GmbH. Damit hören die Gemeinsamkeiten nicht auf: Sowohl das Unternehmen als auch die EKM berichten von Herausforderungen bei der Nachwuchsgewinnung, ihren Anstrengungen für den Zugang für alle und ihr Interesse an den Bahnhofsmissionen.
Auch deshalb beginnt der Betriebsbesuch in der ökumenischen Bahnhofsmission in Halberstadt. Ihr Leiter, Constantin Schnee, erläutert, wie wichtig die ehrenamtliche Betreuung für viele Reisende und Hilfesuchende ist. Ob Migranten, allein reisende Kinder oder in ihrer Mobilität eingeschränkte Personen: Die Bahnhofsmission hilft, damit sie von der Nutzung des ÖPNV nicht ausgeschlossen sind. Auch dank der guten Vereinbarungen mit dem Nahverkehrsservice Sachsen-Anhalt und den Eisenbahnunternehmen ist es möglich, an sieben Tagen in der Woche für Reisende und Hilfsbedürftige da zu sein – nicht nur in Halberstadt, sondern auch auf den Strecken und Bahnhöfen im Kirchenkreis. Beeindruckend ist das große Engagement der Ehrenamtlichen: Praktikant Christian Bechtold ist den zweiten Tag in der Bahnhofsmission und möchte die ganz konkret helfende Arbeit vor Ort kennenlernen – und damit den ersten Schritt zu seinem Traumberuf Suchtberater machen.
Propst Christoph Hackbeil, Regionalbischof von Stendal-Magdeburg, besucht seit Jahren strukturbestimmende Unternehmen in seinem Propstsprengel, um sich über die Arbeitsbedingungen, die Geschäftsstrategien und die Entwicklungsperspektiven zu informieren. An diesem Tag gilt sein Interesse dem Eisenbahnunternehmen Abellio, das einen großen Teil der Nahverkehrsstrecken in Sachsen-Anhalt und Thüringen bedient. Während der Fahrt im Abellio-Zug nach Halle (Saale) berichtet Geschäftsführerin Carmen Parrino von anfänglichen Startschwierigkeiten, dem schnellen Wachstum und der besonderen Kultur im Unternehmen. Diese wird besonders von den knapp 1.000 Mitarbeitenden geschätzt. Und auf sie ist das Unternehmen noch lange angewiesen: Bevor die Züge vollautomatisch und ohne Fahrzeugführer fahren könnten, so Frau Parrino, sei sie vermutlich schon in Rente.
Forumtheater macht unzufrieden. Es deckt Ungerechtigkeit auf und zwingt einem die Perspektive der Schwachen auf, der Unterdrückten, der Hilflosen. Laien bringen in dieser Theaterform Situationen auf die Bühne, an denen sie etwas ändern möchten. Gemeinsam mit dem Publikum – bzw. dem Forum – wird dann überlegt und ausprobiert, wie sich die Situation im Kleinen verbessern lässt. „Es steckt immer ganz viel Makro im Mikro“, erklärte Referent Till Baumann, Theaterpädagoge und -macher aus Berlin, vergangene Woche im Vertiefungsworkshop „Forumtheater in der politischen Bildung II“. Jede kleine Situation auf der Bühne trägt den gesellschaftlichen Kontext mit seinen Machtstrukturen in sich. Die Mikrostruktur zu ändern hat deshalb auch Bedeutung für das große Ganze. Genau deshalb eignet Forumtheater sich so gut für die politische Bildung. Denn es macht nicht nur unzufrieden, sondern ermutigt auch zum Handeln.
Zum Vertiefungsworkshop trafen sich in der Jugendbildungsstätte Junker Jörg in Eisenach u.a. Engagierte aus politischer Bildung, Gedenkstättenpädagogik und interkultureller Bildung, um weiter an den Möglichkeiten des „Theaters der Unterdrückten“ des brasilianischen Theatermachers Augusto Boal in der politischen Bildung zu arbeiten. Im Zentrum stand Forumtheater, aber Referent Till Baumann gab zusätzlich einen Einblick in weitere Methoden wie Zeitungstheater oder den „Regenbogen der Wünsche“. Allen ist gemein, dass sie sich um die Aufdeckung von Machtverhältnissen drehen und um das Empowerment der Unterdrückten.
Unterdrückung ist ein starkes Wort – für Menschen in der brasilianischen Militärdiktatur der 1970er Jahre klingt es passend, in deren Kontext diese Methoden entwickelt wurden. Für Schauspielerinnen und Pädagogen in Deutschland fühlt es sich 2020 seltsam oder übertrieben an. Und dennoch fanden sich im Workshop genügend Themen, die die Teilnehmenden verändern wollen: Sexismus, Homophobie, eine laute, schrille Medienlandschaft, in der für Mitgefühl kaum Platz scheint… Am Ende des Workshops war daher klar: Es steckt viel Potenzial im „Theater der Unterdrückten“, um sich mit politischen Fragestellungen auseinanderzusetzen und Schauspielende wie Zuschauende zu bestärken, die Welt im Kleinen wie im Großen zu verbessern.